Political Correctness: Wohin darf man noch reisen?

Neon-Blitz an Hauswand

In den letzten sechs Jahren hat Potenzialdetektivin Heide Liebmann jeweils zwischen drei Wochen und drei Monaten in der Türkei verbracht. Heute möchte sie wegen der politischen Entwicklungen nicht mehr dorthin fahren. Doch wohin kann man eigentlich noch reisen? Heide macht sich dazu in diesem Gastbeitrag Gedanken:

Heide Liebmann Porträt

Gastbloggerin Heide – hier noch in der Türkei

Entscheidung gegen ein Land

2016 war ich vorerst zum letzten Mal dort, im zauberhaften Örtchen Adrasan an der lykischen Küste. Ich habe mich ganz bewusst entschieden, dort nicht mehr hinzufahren, denn ich möchte mit meinem Geld nicht indirekt die Regierung Erdoğan mitfinanzieren, die aus meiner Sicht mehr und mehr diktatorische Züge annimmt.

Der Abschied ist mir schwergefallen. Ich habe dort viele sehr nette Menschen kennen gelernt, die im Tourismus arbeiten und davon leben. Für sie ist meine Entscheidung schwer zu verstehen, zumal ich ja nicht die Einzige bin: Der Tourismus in der Türkei ist nach dem Putschversuch und diversen Anschlägen massiv eingebrochen, man spricht von einem Rückgang der deutschen Urlauber von rund 50 Prozent.

Doch ich habe gemerkt, dass für mich jetzt der Punkt erreicht war, an dem ich nicht mehr guten Gewissens Urlaub in der Türkei machen konnte. Und im Urlaub will ich mich entspannt fühlen und nicht gestresst wegen der politischen Lage.

Schmerzgrenze bei der Länderauswahl

Tatsächlich gab es in meinem Freundeskreis schon Stimmen, die damals, 2010, als ich zum ersten Mal dorthin fuhr, meine Entscheidung missbilligten. Bereits vor sechs Jahren gab es in der Türkei durchaus bedenkliche Tendenzen, doch meine persönliche „Schmerzgrenze“ war da offenbar noch höher.

Nach den jüngsten Entwicklungen frage ich mich nun immer öfter: Wo kann ich denn eigentlich noch hinfahren mit einem einigermaßen guten Gewissen? In Großbritannien sind die Brexit-Vertreter an der Macht – will ich als überzeugte Europäerin (bei aller berechtigten Kritik an der Politik der EU) das unterstützen?

Die USA werden demnächst von einem Mann regiert, dem ich unterstelle, dass er ein Rassist, ein Frauenfeind und im Grunde ein Antidemokrat ist. Und schon zu Obamas Zeiten und davor gab es genügend Gründe, nicht in die USA zu reisen: Willkür bei Einreisevisa, die Anti-Terror-Politik, Guantánamo, die nicht nachlassende Ausbeutung der Native Americans … die Liste ließe sich beliebig erweitern.

Felsen im Monument Valley in den USA

Kann man heute noch in die USA reisen?

Sind Fernreisen ethisch vertretbar?

Abgesehen von Differenzen zu den politischen Systemen der Gaststaaten: Was ist eigentlich überhaupt ethisch vertretbar, wenn es um Fernreisen geht? Da sind ja zum einen die ökologischen Kosten, die durch Flugreisen entstehen. Und wenn wir uns in einer luxuriösen abgeschotteten Ferienanlage am Strand aalen, profitieren davon einzig und allein die Inhaber – oft genug der Staat selbst. Die Einheimischen leben oft direkt nebenan unter ärmlichsten Umständen, aber das ignoriert der Großteil der Urlauber. Ich denke da beispielsweise an schicke Ayurveda-Ressorts auf Sri Lanka, aber auch an Luxushotelanlagen auf Kuba oder in Thailand.

Phra Nang Beach in Thailand mit Felsen im Wasser

Sollte Thailand für Reisende tabu sein?

In den letzten Tagen habe ich mich mal umgesehen im Netz und geschaut, welche Überlegungen andere zu diesem Thema schon angestellt haben. Eine differenzierte Betrachtung habe ich bei der Frankfurter Rundschau gefunden. Unter dem Titel Moralische Bedenken beim Urlaub in einer Diktatur untersucht der Autor Philipp Laage, welche verschiedenen Faktoren bei der Reiseplanung eine Rolle spielen, wenn man Wert darauf legt, mit gutem Gewissen zu verreisen:

  • Wer Land und Leute kennen lernen will und offen auf die Menschen vor Ort zugeht, öffnet diesen sozusagen ein Tor zur Welt. Durch den Austausch, Informationen und Begegnungen ergeben sich möglicherweise langfristig Änderungen des politischen Systems.
  • Die touristische Infrastruktur staatlicher Stellen sollte möglichst vermieden werden. Stattdessen sollte man Anbietern den Vorzug geben, die mit lokalen Anbietern kooperieren.
Mann zeigt laotischen Kindern Bilder auf der Kamera

Begegnungen können Veränderungen bewirken

Als Individualreisender hat man ja viele Möglichkeiten, seine Reise ganz unabhängig zu gestalten und genau diese Impulse umzusetzen. Wer gerne reist und viel von der Welt sehen möchte, kann sich immer auf diese Position zurückziehen.

Mich hat die Lektüre des Artikels noch mal ins Nachdenken gebracht. Political Correctness beim Reisen ist meiner Meinung nach insofern wichtig, als du dir Gedanken dazu machen solltest, in welche Länder du reist und was das tatsächlich bedeutet. Die Entscheidung, wohin du fährst, wo du die Reise buchst, welche Unterkünfte du bevorzugst und welche Begegnungen du anstrebst, muss Du am Ende selbst treffen.

Wie siehst du  das? Machst du dir überhaupt Gedanken zu politisch korrektem Reisen, oder schaust du bloß auf der Landkarte nach deinem nächsten Reiseziel? Heide und ich sind wirklich gespannt auf deinen Kommentar!

Veröffentlicht am: 13. Dezember 2016

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