Reisen oder direkt wegziehen?

Reisen ist eine tolle Sache. Aber so richtig kennenlernen kann man ein Land in ein paar Wochen natürlich nicht. Manchmal wünsche ich mir deshalb, länger bleiben zu können, um tiefer in eine Kultur und in die Mentalität der Menschen vor Ort einzutauchen. 

Gesa Füßle lässt sich gern auf ein neues Land ein. Sie ist Lektorin und Autorin, ihre Leidenschaft sind – wenig überraschend – Texte und Sprachen. Ihr Blog heißt Gesakram. Ich kenne Gesa aus unserem Texternetzwerk, denn als Journalistin verdiene ich genau wie sie mein Geld mit Worten. Beim diesjährigen Blogwichteln unseres Netzwerks, bei dem wir uns gegenseitig mit Blogbeiträgen beschenken, fiel das Los für Ferngeweht auf Gesa. Dies ist ihr Gastbeitrag:

Gastbloggerin Gesa Füßle (Foto: Maximilian Buddenbohm)

Dieses Jahr fiel das Blogwichtel-Los für Ferngeweht auf mich – und da sitze ich nun. Natürlich bin auch ich in meinem Leben rumgereist, aber das Reisen ist an sich gar nicht so sehr mein Ding.

Mein Ding ist vielmehr das Wegziehen.

Umzug nach England

Alles fing mit der elften Klasse an, die ich im Mädcheninternat in Südengland verbringen wollte. Ich brauchte eine Weile, um richtig anzukommen, um mich an die Umgebung, die Schulkameradinnen und die allgemeinen Gepflogenheiten zu gewöhnen. Es ging schnell, nach zwei Wochen fühlte ich mich komplett angekommen. Auf ein Jahr gerechnet ist das nicht lang. Doch mehr oder weniger bewusst stellte ich für mich fest, dass ich gern ganz in einem Land ankomme. Mit zwei Wochen Urlaub kann das nicht gelingen.

Und so konzentrierte sich meine Sommerplanung alsbald mehr auf Umzugslogistik als auf Hotelsuche.

When in France …

Umzug nach Luxemburg, Schweden, Frankreich, Niederlande, Belgien

Ich zog zunächst nach einem Jahr innerhalb von England an eine andere Schule (meine Schule war pleite und schloss ihre Türen für immer) und kehrte nach dem Abi nach Deutschland zurück, unentschlossen ob meiner Zukunft. Ich arbeitete ein halbes Jahr und packte dann meine Koffer, um in Straßburg vernünftig Französisch zu lernen. Von da aus ging es nach Tübingen, Stockholm, Berlin und Caen, zwischendurch noch einen Monat nach Groningen. Dort beendete ich mein Studium und wurde für ein Jahr zur Praktikums-Nomadin, drei Monate hier, drei da, auch drei in Brüssel waren dabei. Der erste Job brachte mich in die von Norddeutschen immer kritisch beäugte Stadt München, der ich nach vier Jahren den Rücken kehrte.

Nun bin ich vorübergehend sesshaft geworden. Schon seit fast vier Jahren wohne ich wieder in Hamburg. Wenn die Kinder größer sind, werde ich ganz sicher eine Möglichkeit finden, für ein paar Monate ins Ausland zu gehen.

… do as the French do (Fotos: Christina Fuhrmann)

Menschen entdecken

Aber warum reise ich nicht einfach mehr? Natürlich ist es spannend, neue Dinge zu sehen. Sehenswürdigkeiten, aber auch das allgemeine Bild. Dagegen habe ich auch überhaupt nichts. Noch spannender finde ich es aber, die Menschen, die zwischen, neben, vor und hinter den Sehenswürdigkeiten leben, zu entdecken. Dafür brauche ich Anlaufzeit. Ich brauche Zeit, richtig an einem Ort anzukommen, meine Umgebung nicht nur als vorübergehende Schlafstätte, sondern als neuen Wohnort in mich aufzunehmen. Das dauert eine Weile, in der ich mehr auf mich als auf Kommunikation mit anderen fixiert bin.

Sobald ich auch seelisch da bin, ändert sich das. Dann hatte ich schon ein paar Tage die Gelegenheit, meine Umgebung aus dem Augenwinkel wahrzunehmen, habe Typisches gespeichert und bin mit der Sprache warm geworden. Denn auch das gehört für mich dazu: Spreche ich die Landessprache nicht, fühle ich mich um die Hälfte des Spaßes betrogen.

Gewohnheiten annehmen

So viel zum Vorwort: Darum wohne ich lieber in einem anderen Land, als dorthin zu reisen. Ich sehe dich nervös nach unten scrollen – das war erst das Vorwort??? Keine Sorge, das Wesentliche lässt sich leicht zusammenfassen.

In einem anderen Land nimmt man mehr oder weniger schleichend bestimmte Gewohnheiten seiner Umgebung an:

  • In Frankreich erwarte ich Komplimente, denn ich bin eine Frau. Meine Essenszeiten werden deutlich später und länger. Mein Kleidungsstil wird eleganter. Als ich im Mai nach Paris fuhr, fiel mir schon beim Kofferpacken auf, dass ich nicht meine normalen Alltagsklamotten rausgelegt hatte.
  • In den Niederlanden und in Belgien erfreue ich mich an der allgemeinen Entspanntheit. Auch wenn die Länder durchaus unterschiedlich sind, fühle ich mich in beiden auf Anhieb wie zu Hause. Mein Kleidungsstil bleibt unverändert.
  • In Schweden beobachte ich fasziniert. Mein Kleidungsstil wird gewagter.
  • In England bin ich ebenso friendly wie die anderen. Ich achte darauf, dass ich meinen Kleidungsstil beibehalte.

Mein Charakter verändert sich nicht. Ich rege mich nicht schneller auf, nur weil meine Umgebung sich aufregt. Aber ich fühle mich wohler, wenn sie es nicht tut. Meine Haltung verändert sich, meine Gestik, meine Mimik, die Tonlage, in der ich spreche.

Noch etwas: Das hier ist kein Plädoyer für weniger Reisen und mehr Umzüge. Wenn ich überall wohnen wollte, wo ich mal hinwill, würde meine Lebenszeit wohl nicht ausreichen. Darum habe ich für mich einen hoffentlich perfekten Kompromiss gefunden: Häusertausch. Nächsten Sommer geht es nach Island. Als ob wir da wohnen würden.

Was ist deine Meinung? Lieber verreisen oder direkt ganz in ein Land umziehen? Welche Erfahrungen hast du mit dem Leben in anderen Ländern gemacht? Gesa und ich freuen uns auf deinen Kommentar!

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6 Kommentare

  • Mir geht es ein bisschen wie Dir, Gesa: Ich möchte eigentlich auch im Ausland richtig ankommen, richtig da sein, richtig eintauchen in Sprache und Leben. Deshalb zieht es mich auch immer wieder in die gleichen Gegenden, um so wenigstens Stück für Stück dem Eintauchen näherzukommen. Aber das geht beim Reisen eben nur begrenzt. Mir fällt das vor allem natürlich am Essen auf: Als Reisende bin ich halt auf Restaurants (oder Streetfood-Stände, jedenfalls auf Gastronomie) angewiesen. Die tollen Lebensmittel, die ich auf Märkten finde, kann ich in Ermangelung einer Küche in der Regel nicht selbst verkochen. (Habe ich dagegen eine Küche, sprich: Ferienwohnung, dann komme ich ohne Auto nicht rum.) Und was in Restaurants angeboten wird, ist ja immer nur ein winziger und meist nicht sehr typischer Ausschnitt der Landesküche. Ist ja bei uns auch so.
    Ich würde sehr gerne noch mal länger ins Ausland gehen. Und weiß gleichzeitig, dass ich ein sehr sesshafter Mensch bin, der lange braucht, um ein Zuhausegefühl zu entwickeln.
    Ach ja. Dilemma.
    Danke für die Anregung, darüber mal wieder nachzudenken!

    • Liebe Sabine,

      ja, das Essen, ein durchaus wichtiger Aspekt. Ich halte mich da allerdings mehr an die landestypischen Süßigkeiten, das ist auch immer interessant und sie sind so ungemein praktisch! Was freue ich mich auf das isländische Lakritz!!

  • Bei mir ist Antwort ganz klar: Umziehen bzw längere Zeit in einem Land verbringen plus Sprache lernen. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mir von meinen typischen Reisen (Urlaub) letztlich nicht viel im Gedächtnis geblieben ist. Auch ich muss erst ankommen, mache gerne Spaziergänge, sehe die gleichen Orte gerne mehrfach. Reisen an sich ist für mich eher Stress. Ich gehe aber auch gerne wieder – manchmal um später zurückzukommen. Meine langen Aufenthalte in Spanien, Portugal, Brasilien und Ungarn haben mich geprägt, die kurzen Urlaube hingegen haben wenig Spuren hinterlassen. Ist schön zu lesen, dass es anderen Menschen genauso geht.

    • Wie unterschiedlich die Menschen doch sind! Obwohl ich ja schon viel gereist bin, habe ich bisher kein Land gefunden, in dem ich gern länger leben möchte. Auch wenn ich manchmal irgendwo länger bleiben würde, freue ich mich dann doch irgendwann darauf, wieder nach Hause (nach Deutschland) zurückzukommen. Danke für deinen Kommentar, Nuria!

    • Liebe Nuria,
      Spuren hinterlassen haben meine Urlaube durchaus, gerade Äthiopien, wo es eben so ganz anders war und dann doch wieder nicht. Aber Du hast schon recht, der Urlaub hat keine prägende Wirkung, während man nach längerer Zeit durchaus bestimmte Gepflogenheiten annimmt. Als ich dieses Jahr mit meiner Freundin in Paris war, besuchten um 19 Uhr wir einen alten Freund und wollten anschließend mit ihm Essen gehen. Er reservierte einen Tisch für 20:30 Uhr – meine Freundin war erstaunt. Um Viertel nach acht (ich bin eben doch Deutsche) fragte ich den Kumpel, wie lange wir dahin brauchen. Eine Viertelstunde. Ich lehnte mich zurück, meine Freundin starrte mich entgeistert an. Gegen Viertel vor neun brachen wir ganz entspannt auf. :)

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