Baracoa: Süße Versuchung in Kubas Osten

Das Wahrzeichen Baracoas: „El Yunque“ - „Der Amboss“

Die älteste Stadt Kubas zeigt sich im wahrsten Sinne des Wortes von ihrer Schokoladenseite. Baracoa steht für das süße Karibikleben, denn hier gibt es die größte Schokoladenfabrik des Landes.

Schokoladenfabrik in Riechweite

Ivan Leyva Prada gibt auf. Zu dicht ist der Regenvorhang, der ihm in Böen ins Gesicht schlägt. Seine dreirädrige Fahrradrikscha steckt bis zu den Speichen im Schlamm. Das Gewicht seiner zwei Passagiere, die Schutz suchend unter dem tropfenden Plastikdach auf ihrem Sitz kauern, zieht das Rad noch tiefer in die aufgeweichte Erde.

Das Ausflugsziel, die größte Schokoladenfabrik Kubas, befindet sich zwar schon in Riechweite, aber sich weiter bergauf durch diesen Sturzregen zu kämpfen, hat keinen Zweck. Ivan wendet das Rad und tritt mit seinen Passagieren den Rückweg an. Diese sind keinesfalls auf ihren Fahrer sauer: Auf der Suche nach dem süßen Leben der Karibik wird sich Baracoa, die älteste Stadt Kubas, in den nächsten Tagen noch oft von ihrer Schokoladenseite zeigen.

Christoph Kolumbus war der Erste

Dass die Stadt auf ihr Alter stolz ist, zeigt schon ein Blick auf die lateinische Inschrift ihres Wappens: „Obgleich ich die kleinste der Provinzen bin, bin ich immer die erste in der Zeit.“ Vor über 500 Jahren warf Christoph Kolumbus 1492 in der kleinen Bucht von Baracoa Anker. Er errichtete an dieser Stelle ein Holzkreuz. Eine Nachbildung steht noch heute dort, das angebliche Original befindet sich in einer Glasvitrine in der Kathedrale der Stadt.

Zehn Jahr später folgte Diego de Velázquez: Er gründete zwischen der Baracoa- und der Honigbucht die erste Siedlung Kubas und die Kolonialisierung der Karibikinsel begann. Die Spanier fanden in den feuchten Bergen beste Bedingungen für den Anbau tropischer Früchte vor. Noch heute ist Baracoa das Hauptanbaugebiet Kubas für Bananen und Kokosnüsse, die neben Mango,- Mandel- und Papayabäumen in den Himmel sprießen.

Auf einer Kakaoplantage in der Nähe von Baracoa

Doch auch Kakaopflanzen fühlen sich in dem feuchtwarmen Klima wohl, und so ist es nicht überraschend, dass sich ausgerechnet hier, fast am östlichsten Zipfel Kubas, Peter’s Schokoladenfabrik angesiedelt hat.

Ein Teil ihrer Produktion geht direkt in die „Casa del Chocolate“, ins Schokoladenhaus mitten in Baracoa. In der Hauptstraße der kleinen Stadt, wo pastellfarbene Kolonialhäuser an eine Hochzeitstorte erinnern, sind bereits eine ganze Reihe Kubaner und Touristen vor dem Regen in die „Casa del Chocolate“ geflüchtet.

Kakao ist aus im Schokoladenhaus

Die Hälfte der rund ein Dutzend wackeligen Holztische in dem kleinen Café ist besetzt; Vasen mit staubigen Kunstblumen versuchen vergeblich, die Flecken auf den karierten Plastiktischdecken zu verbergen. Trinkschokolade? Ist heute aus. Die rundliche Kellnerin kann nur Chorote anbieten, eine Kreuzung aus Schokoladenpudding und kaltem Milchshake. Die herbe Mischung, serviert mit einer dunkelbraunen Milchhautschicht, ist gewöhnungsbedürftig. Das nächste Mal vielleicht doch lieber eine große Tafel Zartbitterschokolade, die exklusiv bei Peter’s hergestellt wird.

Am nächsten Tag folgt ein weiterer Anlauf, im süßen Osten Kubas auf den Geschmack zu kommen. Das klapprige bonbonrote Taxi, ein 28 Jahre alter Lada, ächzt die 261 Serpentinen der Bergstraße „La Farola“ hinauf. In jeder Kurve zeigt sich erneut, dass der häufige Regen in der Region auch sein Gutes hat: Ohne ihn gäbe es hier in der Sierra del Purial keine Kakaoplantagen und Kokospalmenhaine, soweit das Auge reicht.

Süße Tüten für die Fahrt

Und ohne diese Haine gäbe es auch nicht die kleine Holzhütte am Straßenrand, an der alle Linienbusse auf dem Weg von und nach Baracoa eine zehnminütige Pause einlegen. In wenigen Sekunden ist der Bus umringt von Kubanerinnen, die laustark Hände voll kleiner, spitz gerollter Tüten aus Bananenblättern feilbieten. Im Innern dieser Blättertütchen befinden sich Kokosraspel, vermischt mit Honig und Fruchtpüree – Cucurucho, eine klebrige, zuckersüße Köstlichkeit, die ausschließlich in dieser Gegend von Kubanerinnen handgefertigt und verkauft wird.

Spanferkel rustikal am Straßenrand

Eher deftig als süß geht es in Baracoa dann am Wochenende zu: Ein paar durchlöcherte Eisenbleche und ein langer, dünner Baumstamm verwandeln sich bei Sonnenuntergang kurzerhand in einen Straßengrill.

Kleine Schweine müssen als Spanferkel herhalten, die kross gegrillt und eingeklemmt zwischen zwei Brothälften die Grundlage für die langen Nächte bilden. Denn Rum fließt – vor allem am Wochenende – in Strömen, wenn sich noch mehr Menschen als sonst auf dem Parque Independencia vor der Kathedrale treffen, um gemeinsam zu essen, zu trinken, zu tanzen und zu feiern.

Wer nach all den Schlemmereien ein paar Kalorien verbrennen möchte, kann Baracoas 575 Meter hohes Wahrzeichen erklimmen. Der Berg „El Yunque“, zu deutsch „Der Amboss“, erhebt sich steil und an seinem breiten Gipfel flach wie ein dickes Stück Butter aus dem umliegenden Regenwald. Für den schweißtreibenden Aufsteig empfiehlt es sich vielleicht, eine Flasche Hatuey-Bier einzupacken. Das etwas süßlich schmeckende Gebräu hat seinen Namen von Indianerhäuptling Hatuey aus Haiti, der sich in den Bergen Baracoas gegen die spanischen Kolonialherren auflehnte und schließlich von ihnen bei lebendigem Leib verbrannt wurde. Mehrere Denkmäler in der Stadt erinnern noch heute an den ersten Rebell Kubas.

Den Berg besteigen oder im Fluß baden?

Doch zurück zur Erklimmung des „Butterberges“: Ivan und seine Rikscha-Kollegen sind in den Straßen von Baracoa wie jeden Tag auf der Suche nach Touristen, die sie zum Fuße des Yunque radeln können. Der Weg zum Ausgangspunkt der Bergbesteigung ist holprig und steil, Ivan rinnt der Schweiß den Rücken hinab. Doch die anstrengenden Fahrten bringen ein paar ersehnte „Convertible Pesos“ ein, mit denen der Kubaner sich in den Spezialgeschäften zum Beispiel mal Nudeln oder eine Flasche Wein kaufen kann.

In den Peso-Geschäften hingegen bekommt er nur Lebensmittel, die in Kuba angebaut und produziert werden: Reis, Brot, Zucker, eine geringe Auswahl an Obst und Gemüse. Fünf Convertible Pesos für die Hin- und Rückfahrt, dafür wartet der Rikscha-Fahrer auch, bis die Wanderer erschöpft vom Yunque-Plateau zurückkehren.

Wenn sie wollen, fährt er sie anschließend noch zum Baden an den klaren Fluss, der sich an Baracoas Stadtgrenze entlangwindet. Und wie könnte es anders sein, selbst dieses Wasser trägt einen süßen Namen: Río Miel, der Honigfluss. Einem Mythos nach wird jeder, der in diesem Fluss schwimmt, immer wieder nach Baracoa zurückkehren. Und sei es nur, um sich in der „Casa del Chocolate“ noch ein paar Tafeln Peter’s Zartbitter auf der Zunge zergehen zu lassen.

Diese Reportage von mir erschien im Mannheimer Morgen, Ausgabe 26.03.2005. Ein paar Dinge haben sich seitdem verändert – zum Beispiel gibt es in Kuba keine Convertible Pesos mehr, aber ich bin sicher, dass auch heute noch Rikscha-Fahrer die Besucher durch die Stadt fahren.

Oder hast du andere Erfahrungen in Baracoa gemacht? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

 

 

Nobody is perfect … Wenn du einen Rechtschreibfehler in meinem Text gefunden hast, benachrichtige mich doch bitte, indem du den Fehler mit dem Cursor markierst und dann Strg + Eingabetaste drückst. Danke! (Funktioniert nur am Desktop, nicht mobil)

Dir gefällt dieser Beitrag? Dann teile ihn doch:

2 Kommentare

  • Den Convertible Peso gibt es immer noch (CUC), nur Cubaner können mit Peso nationale (CUP) bezahlen, die Schokoladenfabrik in Baracoa ist zur Zeit geschlossen und Chorote gibts im Schokoladenhaus im Moment auch nicht. Sind vor 14 Tagen gerade von Kuba zurück

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.