Ferngerollt: Frau Bodenlosz fährt Zug

Bahn spiegelt sich im Fenster
Gastbeitrag
Jedes Jahr um die Weihnachtszeit wird in meinem Texterinnennetzwerk gewichtelt: Wir schenken uns gegenseitig Blogbeiträge. Dieses Mal ist das Wichtel-Los für Ferngeweht auf Nina Bodenlosz gefallen. Frau B. ist eine Erfindung meiner Kollegin Katarina Pollner, die in kurzen Texten und auch Büchern Nina Bodenlosz‘ Sicht auf die Welt beschreibt. Für Ferngeweht ist Frau Bodenlosz Zug gefahren. Und Katarina  hat dazu gezeichnet.

Ferne Reisen spielen bei Frau Bodenlosz keine große Rolle. Natürlich reise ich, meine weiteste Tour führte mich damals für ein paar Wochen nach Bangkok. Doch regelmäßig zieht es mich nicht in die Ferne. Eine Reiseleidenschaft habe ich allerdings: Ich liebe es, auf Schienen durchs Land zu fahren. Selbst eine Fahrt von Berlin nach Hannover kann für mich eine Reise sein. Kaum betrete ich einen Zug, verwandle ich mich in eine Passagierin. Ich bin aus der Welt – oder besser gesagt, ich bin in der anderen Welt, der Welt im Zug angekommen.

Ist Zugfahren nicht furchtbar dreckig, laut, voll und unbequem?

Das stimmt. Manche Zugfahrten sind so schlimm, dass ich alle zehn Minuten auf die Uhr sehe und feststelle, dass erst eine Minute vergangen ist. Manchmal muss ich auf der Treppe sitzen oder auf dem Boden und werde von den anderen Fahrgästen getreten und geschubst. Ich habe immer eine Strickjacke dabei, auch bei über dreißig Grad Außentemperatur. Manchmal fällt die Klimaanlage aus, und der Schaffner verteilt schmelzende Gummibärchen, während uns die Zunge am Gaumen klebt und die Klamotten am Körper.

In den vergangenen Jahren habe ich zudem oft mehr Zeit am Bahnsteig verbracht als im Zug, weil so viele Verbindungen ausfielen oder Anschlüsse verpasst wurden.

Dreckig ist es sowieso.

Und die Fahrgäste?

Oft sind die anderen einfach zu viele. Schlimm sind reisende Rentnergruppen außer Rand und Band. Geschäftsleute, die laut mit ihrem Büro telefonieren und sich wichtig tun. Großraumabteile mit mehr als zehn übermüdeten Kleinkindern, die abwechselnd schreien oder durch den Gang rennen, gegen eine Armlehne prallen und dann wieder schreien.

Ich bin auch schon in einem Zug von der Ostsee nach Hause gefahren, in dem Jugendliche spontan einen Club eingerichtet hatten. Im Fahrradabteil wurde getanzt und in den Toiletten Diverses geraucht. Über den Boden liefen Flüsse aus Bier. Besser als draußen, sagte die Zugbegleiterin, da würden sie noch den Wald in Brand stecken.

Hört sich nicht an wie Erfahrungen, die man machen möchte.

Zeichnung von Bahn mit Stromblitzen

Zugfahren im Jahr 2020

Merkwürdig: Ich vermisste in diesem verflixten Jahr 2020 auch die katastrophalen Fahrten. Sie waren die Hölle, aber ich erlebte ein Abenteuer. 2020 bin ich ein paar Mal ins Umland gefahren, aber die längeren Touren haben mir gefehlt.

Selbst jene Fahrt im Sturm, bei wir erst mit einer defekten Oberleitung liegen blieben, danach im Schritttempo am Rhein entlangschlichen und nach dramatischen Umsteigeaktionen mitten in der Nacht endlich in Berlin am Hauptbahnhof eintrafen. Selbst jene Fahrt erscheint mir jetzt ereignisreich und aufregend.

Wahrscheinlich bin ich total verrückt, aber ich würde zurzeit gerne mit zwei schweren Koffern über überfüllte Bahnsteige und Treppen zum Ersatzzug rennen, stundenlang auf diesen unbequem-ergonomischen Sitzen hocken, verschiedenste Beinstellungen ausprobieren, die alle auf Dauer nicht auszuhalten sind, und auf die Spiegelungen im Fenster starren. Ich würde sogar gerne mit einer streitenden Familie im Abteil sitzen und Schutz unter meinen Kopfhörern suchen.

Zeichnung von Zugabteil

Ich bin auf Zugfahrt-Entzug. Vielleicht sollte ich mich in den nächsten Tagen in eine S-Bahn setzen und ein paar Stunden im Kreis fahren. Das wäre nicht dasselbe, aber immerhin ein schaler Ersatz.

Gibt es schöne Momente im Zug?

Ich liebe die Atmosphäre in einem Zug, der morgens darauf wartet loszufahren. Nach und nach füllt sich das Abteil. Die Menschen reden mit gedämpfter Stimme. Es riecht nach Kaffee, und die Brötchentüten knistern verheißungsvoll. Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Wie ein Topf mit Wasser, der niemals kocht, wenn man hinsieht, fährt ein Zug immer unbemerkt an. Wir sehen aus dem Fenster und stellen fest, dass die Stadt schon an uns vorübergleitet. Unsere Reisekapsel trägt uns sanft schaukelnd und schlingernd durch die Dämmerung in den Tag hinein.

Zeichnung von blauem Fenster

Als ich ein Kind war, wurden die Züge von riesengroßen, donnernden Lokomotiven gezogen. Während der Fahrt knatterte, rumpelte und ruckelte es. Beim Einsteigen erklommen wir mit Mühe steile Stufen, Abteiltüren wurden mit aller Kraft aufgewuchtet. Die Fenster ließen sich nur öffnen, wenn wir uns an den Griff hängten. Dann wehte ein kräftiger Wind. Und der Schaffner – Frauen gab es in diesem Beruf nach meiner Erinnerung keine – war groß und streng. Er schoss Löcher in die kleinen Kartonkärtchen, die uns als Tickets dienten. Zugfahren war ein lautes, kraftvolles und beeindruckendes Erlebnis.

Was sich nicht verändert hat: Im Zug wird Proviant verzehrt. Früher zumeist geschmierte Stullen. Die Alufolie klirrte und quietschte, wenn die Stullen ausgepackt wurden. Heute rascheln Bäckertüten. Gibt es etwas Gemütlicheres als im Zug zu sitzen, aus dem Fenster zu schauen und ein belegtes Brötchen zu verzehren?

Das wäre einen Versuch wert für meine S-Bahn-Therapie: Ich nehme eine Dose mit Stullen mit, einen Apfel und eine Thermoskanne mit Hibiskustee. Bleibt nur noch das Problem mit der Maske beim Essen …

Was ist deine Meinung? Ist Bahnfahren alles in allem schrecklich oder wunderbar? Welche Erfahrungen hast du gemacht? Nina und ich freuen uns auf deinen Kommentar!

Veröffentlicht am: 5. Januar 2021

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11 Kommentare

  1. netreisetagebuch 14. Januar 2021 um 18:53 - Antworten

    Sehr schöne Idee, sich gegenseitig Gastbeiträge zu wichteln.
    Viele Grüße
    Annette

    • Sabine 14. Januar 2021 um 19:03

      Sollten wir Reiseblogger vielleicht auch mal wieder machen (vor ein paar Jahren haben wir das tatsächlich mal gemacht).

  2. Annette 14. Januar 2021 um 15:27 - Antworten

    Ich fahre ja tatsächlich nicht so gerne mit der Bahn. Bei mir fallen grundsätzlich irgendwelche Bahnverbindungen aus, von Verspätungen ganz abgesehen. Vielleicht liegt es aber auch an mir und ich ziehe dieses Unglück magisch an. Wer weiß das schon.
    Viele Grüße
    Annette

    • Sabine 14. Januar 2021 um 15:44

      Liebe Annette, mir geht es ähnlich wie dir: Offenbar hat sich die Bahn gegen mich verschworen …

  3. Martina Heigel 14. Januar 2021 um 8:20 - Antworten

    Bahnfahren ist alles in allem wirklich wunderbar. Von Kindheit an mag ich solche Reisen.

    • Sabine 14. Januar 2021 um 15:45

      Schön, ein Bahnfan! Hört man ja nicht sooo oft :-)

  4. NIna Bodenlosz 5. Januar 2021 um 14:57 - Antworten

    Liebe Gerda,
    das sind beeindruckende Erinnerungen. Ich finde die alten Züge sehr imposant. Im Technikmuseum zum Beispiel stehen rieisige Loks nebeneinander und ragen über einem auf. Natürilch würden wir solche Loks heute nicht mehr bauen, das wäre nicht besonders nachhaltig.
    Allerdings habe ich auch auch staunend beobachtet, wie sich zwei ICEs küssten und vereinten :-)

  5. gerda kazakou 5. Januar 2021 um 14:32 - Antworten

    Züge – Bahnhöfe – es lässt sich kaum sagen, wieviel Erinnerung daran hängt, angefangen 1949, als wir den ersten „Sommergast“ vom alten Sack-Bahnhof abholten, der inzwischen längst stillgelegt und durch eine banale Buslinie ersetzt wurde. Oder 1970 die endlose Fahrt von Frankfurt nach Athen mit einem Säugling im Arm – die Türen wurden in Jugoslawien verbarrikadiert – und dann die Rückreise, als die Schergen der Obristenregierung stundenlang den Zug durchsuchten nach Menschen, die sie verhaften könnten, und später, da die Lok des Vorgängerzugs in Belgrad ausgespannt und nach Rom weitergeleitet worden war, die Reisenden, entnervt nach 24 Stunden Warten, unseren bereits überfüllten Zug enterten und jeden bedrohten, der versuchte, sich durch den Gang durchzuschlagen. Aber auch die stoische Haltung der Menschen, Gastarbeiter meist, die sich keinerlei Erschöpfung anmerken ließen und sich zusammendrängten, damit ich mit dem Säugling ein Plätzchen fände. .. Oder die ächzende Lok an der Steigung der Strecke nach Korinth, und wie plötzlich der Zug anhielt und alle hinausstürmten und sich jubelnd um den Hals fielen, weil die griechische Nationalmanschaft die Basketball-Europameister gewonnen hatte. Die modernen Großraumwaggons haben nichts mehr von dem Charme und der Intimität der Abteile mit ihren hölzernen Bänken und Klapptischen, wo man die Fenster öffnen und sich weit hinauslehnen konnte, wenngleich in vier Sprachen genau dies verboten war (è vietato sporgersi)… Welch ein Verlust gerade auch für Kinder, das Abenteuern durch den Zug. Jetzt spielen sie auf den stillgelegten Loks und die Opas und Omas erzählen ihnen Geschichten von damals.

    • Sabine 5. Januar 2021 um 14:47

      Liebe Gerda, vielen Dank für die eindrucksvollen Erinnerungen an das Bahnfahren in früheren Zeiten. Es scheinen echt Welten zwischen dem Bahnfahren damals und heute zu liegen … Lieben Dank für den Einblick!

  6. Nina Bodenlosz 5. Januar 2021 um 13:42 - Antworten

    Wie schön, das nun hier zu lesen! Das Wichteln hat Spaß gemacht.

    • Sabine 5. Januar 2021 um 14:22

      Danke für den schönen Beitrag, Frau B. :-)

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Veröffentlicht am: 5. Januar 2021

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11 Kommentare

  1. netreisetagebuch 14. Januar 2021 um 18:53 - Antworten

    Sehr schöne Idee, sich gegenseitig Gastbeiträge zu wichteln.
    Viele Grüße
    Annette

    • Sabine 14. Januar 2021 um 19:03

      Sollten wir Reiseblogger vielleicht auch mal wieder machen (vor ein paar Jahren haben wir das tatsächlich mal gemacht).

  2. Annette 14. Januar 2021 um 15:27 - Antworten

    Ich fahre ja tatsächlich nicht so gerne mit der Bahn. Bei mir fallen grundsätzlich irgendwelche Bahnverbindungen aus, von Verspätungen ganz abgesehen. Vielleicht liegt es aber auch an mir und ich ziehe dieses Unglück magisch an. Wer weiß das schon.
    Viele Grüße
    Annette

    • Sabine 14. Januar 2021 um 15:44

      Liebe Annette, mir geht es ähnlich wie dir: Offenbar hat sich die Bahn gegen mich verschworen …

  3. Martina Heigel 14. Januar 2021 um 8:20 - Antworten

    Bahnfahren ist alles in allem wirklich wunderbar. Von Kindheit an mag ich solche Reisen.

    • Sabine 14. Januar 2021 um 15:45

      Schön, ein Bahnfan! Hört man ja nicht sooo oft :-)

  4. NIna Bodenlosz 5. Januar 2021 um 14:57 - Antworten

    Liebe Gerda,
    das sind beeindruckende Erinnerungen. Ich finde die alten Züge sehr imposant. Im Technikmuseum zum Beispiel stehen rieisige Loks nebeneinander und ragen über einem auf. Natürilch würden wir solche Loks heute nicht mehr bauen, das wäre nicht besonders nachhaltig.
    Allerdings habe ich auch auch staunend beobachtet, wie sich zwei ICEs küssten und vereinten :-)

  5. gerda kazakou 5. Januar 2021 um 14:32 - Antworten

    Züge – Bahnhöfe – es lässt sich kaum sagen, wieviel Erinnerung daran hängt, angefangen 1949, als wir den ersten „Sommergast“ vom alten Sack-Bahnhof abholten, der inzwischen längst stillgelegt und durch eine banale Buslinie ersetzt wurde. Oder 1970 die endlose Fahrt von Frankfurt nach Athen mit einem Säugling im Arm – die Türen wurden in Jugoslawien verbarrikadiert – und dann die Rückreise, als die Schergen der Obristenregierung stundenlang den Zug durchsuchten nach Menschen, die sie verhaften könnten, und später, da die Lok des Vorgängerzugs in Belgrad ausgespannt und nach Rom weitergeleitet worden war, die Reisenden, entnervt nach 24 Stunden Warten, unseren bereits überfüllten Zug enterten und jeden bedrohten, der versuchte, sich durch den Gang durchzuschlagen. Aber auch die stoische Haltung der Menschen, Gastarbeiter meist, die sich keinerlei Erschöpfung anmerken ließen und sich zusammendrängten, damit ich mit dem Säugling ein Plätzchen fände. .. Oder die ächzende Lok an der Steigung der Strecke nach Korinth, und wie plötzlich der Zug anhielt und alle hinausstürmten und sich jubelnd um den Hals fielen, weil die griechische Nationalmanschaft die Basketball-Europameister gewonnen hatte. Die modernen Großraumwaggons haben nichts mehr von dem Charme und der Intimität der Abteile mit ihren hölzernen Bänken und Klapptischen, wo man die Fenster öffnen und sich weit hinauslehnen konnte, wenngleich in vier Sprachen genau dies verboten war (è vietato sporgersi)… Welch ein Verlust gerade auch für Kinder, das Abenteuern durch den Zug. Jetzt spielen sie auf den stillgelegten Loks und die Opas und Omas erzählen ihnen Geschichten von damals.

    • Sabine 5. Januar 2021 um 14:47

      Liebe Gerda, vielen Dank für die eindrucksvollen Erinnerungen an das Bahnfahren in früheren Zeiten. Es scheinen echt Welten zwischen dem Bahnfahren damals und heute zu liegen … Lieben Dank für den Einblick!

  6. Nina Bodenlosz 5. Januar 2021 um 13:42 - Antworten

    Wie schön, das nun hier zu lesen! Das Wichteln hat Spaß gemacht.

    • Sabine 5. Januar 2021 um 14:22

      Danke für den schönen Beitrag, Frau B. :-)

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