Meine Kindheit als Schiffertochter

Mein eingezäunter Spielplatz an Bord.

Mein Blog Ferngeweht feiert seinen fünften Geburtstag! Zu diesem Jubliäum schenke ich dir eine ganz persönliche Geschichte: von meiner Kindheit als Schiffertochter.

Wenn du schon auf meiner „Über mich“-Seite warst, dann weißt du, dass mir das Reise-Gen buchstäblich in die Wiege gelegt wurde: Als Kind einer Schifferfamilie habe ich die ersten drei Jahre meines Lebens auf dem Schiff gelebt. Als meine Mutter und ich später sesshaft wurden, weil ich in Kindergarten und Schule gehen musste, fuhren wir jede freie Minute zu Papa aufs Schiff. Heute erzähle ich dir mal, wie es eigentlich so ist, als Kind auf einem Binnenschiff zu leben.

Meine Schifferfamilie

Als ich auf die Welt kam, haben mein Vater und mein Großvater noch zusammen auf dem Binnenschiff gearbeitet, das mein Vater später von meinem Großvater übernommen hat. Mein Vater ist also schon in einer Schifferfamilie groß geworden. Auch meine Mutter stammt aus einer Schifferfamilie – die beiden haben sich buchstäblich im Vorbeifahren kennengelernt. Meine Mutter hat als Matrosin auf dem Schiff ihres Vaters gearbeitet, daher war es klar, dass sie nach meiner Geburt (übrigens in einem Krankenhaus, nicht auf dem Schiff) weiter mit meinem Vater auf dem Schiff fahren und ihn unterstützen würde. Und Klein-Sabine kam natürlich mit.

Eine echte Schifferstochter trägt früh die Schiffermütze vom Opa.

Wohnen auf dem Schiff

Die Wohnung auf einem Binnenschiff ist größer, als manch einer denkt. Auf 45 Quadratmetern hatten wir Wohnzimmer, Schlafzimmer, Diele, Küche, Bad und ich ein eigenes Kinderzimmer. Als später meine Schwester hinzukam, wurde dort ein Etagenbett eingebaut. Mein Spielzimmer befand sich auf dem Dach der Schiffswohnung. Mein Vater hatte gut die Hälfte  des Daches mit einem Maschendraht eingezäunt, damit ich nicht über Bord gehe. In diesem „Löwenkäfig“ stand mein Dreirad, ein Tretauto und anderes Spielzeug.

Besuch vom Ruderer – sein Boot wird gekapert.

Spielen auf dem Schiff

Bevor ich schwimmen lernte, haben meine Eltern mich immer an die Leine genommen: Ohne Kindergeschirr durfte ich draußen nicht herumlaufen. Damit ich genug Auslauf bekam, ging es bei jeder Schleuse an Land – eine Runde über den Rasen rennen. Die ersten Jahre an Bord hat mein Vater mit seinem Schiff oft Kies transportiert. Wenn wir vollbeladen waren, hatte ich jedesmal den größten Sandkasten der Welt. Weniger schön fand ich es, wenn das 66 Meter lange Schiff leer war. Dann haben mich meine Eltern manchmal in einen Teil des riesigen Laderaums gebracht: 100 Quadratmeter mit drei Meter hohen Wänden – das war mir viel zu einsam. Lustig war es hingegen, als wir einmal Doppeldeckerbusse nach Hamburg transportiert haben: Meine Schwester und ich haben tagelang Busfahrer gespielt.

Der größte Sandkasten der Welt – ganz für mich allein.

Schlafen auf dem Schiff

Am besten einschlafen konnte ich, wenn der Motor lief, denn dann vibrierte mein Kinderbett so schön und wiegte mich in den Schlaf. Wenn mein Vater zu meiner Schlafenszeit schon Feierabend gemacht hatte, warf er manchmal den Hilfsaggregat an, weil ich ohne Motorengeräusch nicht einschlafen konnte. An Sommerabenden haben wir oft an Deck gegrillt, meist zusammen mit anderen Schiffern, die neben uns angelegt hatten. Oder mein Papa und ich warfen die Angel aus und zogen Fische an Bord, die meine Mutter in die Pfanne warf. Als ich älter war, durfte ich auch mal allein eine Runde mit dem Beiboot über den Kanal rudern.

Schleusenstopp mit Blumenpflücken.

Umzug an Land

Als ich etwa drei Jahre alt war, beschlossen meine Eltern, dass ich in den Kindergarten gehen sollte. Denn durch das ständige Zusammenleben nur mit Erwachsenen fand ich andere Kinder doof und konnte mit ihnen nichts anfangen. Also bauten meine Eltern ein Haus am Kanal im Münsterland, und meine Mutter blieb mit mir an Land. In jeden Ferien und oft auch an Wochenenden fuhren wir allerdings Papa hinterher, wenn er mit seinem Schiff in der Nähe war. Als Jugendliche hatte ich schließlich keine Lust mehr, in meiner Freizeit immer nur auf dem Schiff zu sein. Aus dem „Löwenkäfig“ war ich schließlich schon lange rausgewachsen.

Im großen Laderaum fühlte ich mich ganz verloren.

Was mir aus dieser Kindheit als Schiffertochter geblieben ist? Die Lust am Reisen! Ich bin auch heute noch am liebsten unterwegs, wenn wir verreisen, und bleibe ungern lange an einem Ort. Also ganz so wie damals auf dem Schiff, als wir auch jeden Abend einen anderen Hafen angefahren haben.

Welche Erinnerungen hast du an Reisen aus der Kindheit? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar!

Mit diesem Beitrag nehme ich an der Blogparade „Reisen damals – Wie uns Reiseerfahrungen prägen“ meiner Bloggerkollegin Barbara von Reisepsycho teil.

 

 

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13 Kommentare

  • Liebe Sabine,
    Schiffertochter bist du! Das wusste ich gar nicht! Wie cool ist das denn?
    Toller Bericht, den ich sehr gerne gelesen habe.
    Reisen in meiner Kindheit waren vor allem bestimmt durch nervige Grenzkontrollen und ewige Warterei, weil auf den Fließbändern mal wieder unsere Pässe hängengeblieben sind. Aus Berlin raus (und wieder rein) war echt kein Vergnügen. Aber als ich fünf Jahre alt war, bin ich zum ersten Mal geflogen! Mit einer kleinen Propellermaschine vom Flughafen Tempelhof aus. Wir haben Urlaub in Italien gemacht. In Bibione gab es von Campari gesponsorte Schaukeln im Wasser, die habe ich geliebt (wenn ich nicht rückwärts ins Wasser fiel und Salzwasser schluckte) Auf dem Rückflug gewitterte es heftig und ich habe überhaupt nicht verstanden, wieso meiner Mutter so bleich und zittrig aussah :-D Ich bin bei Gewitter geboren und habe es als Kind sehr gemocht, weil ich keine Ahnung hatte, wie gefährlich das sein kann.
    Liebe Grüße
    Petra

  • Liebe Sabine!
    Erstmal alles Gute zum Bloggeburtstag :) Und dann lass dir gesagt sein: ich bin beeindruckt! Das muss so beeindruckend gewesen sein! Danke für diesen einzigartigen Beitrag zu meiner Blogparade! LG Barbara

    • Hallo Liane, wir waren oft zwischen Berlin und dem Ruhrgebiet unterwegs, um Kohle nach Berlin zu bringen. Aber auch Hamburg, den Rhein rauf und runter, rüber nach Holland und Belgien …

    • Vielen Dank, liebe Gudrun :-) Für mich war es damals das Normalste der Welt. Andere Väter waren Handwerker oder Hausmeister – meiner war halt Schiffer ;-)

  • Hallo Sabine,
    wow, das ist echt eine besondere Kindheit!
    Super auch, dass Ihr noch einige Fotos habt, die Deine Erinnerungen gut illustrieren.
    Liebe Grüße
    Barbara

    • Pst, sag das nicht meinen Eltern! Die sind bei der Serie immer die Wände hochgegangen, weil da soviel Quatsch erzählt wurde über den Beruf des Binnenschiffers … ;-)

    • Hallo Sabine, was für eine schöne Geschichte. So eine Kindheit hat nicht jeder. Ich kann mich noch gut an meine erinnern, wenn ich am Rhein stand und über die vielen Binnenschiffer gestaunt hab. Auch wenn es deine Eltern nicht gerne hören, die Serie MS Franziska schaue ich heute noch gerne. Liebe Grüße
      Elke

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