Lake District: Nationalpark voller Superlative

Viele Engländer bezeichnen den Lake District als die schönste Region Englands. Hierzulande ist der Nationalpark nördlich von Manchester noch relativ unbekannt. Völlig zu Unrecht, denn er ist ein echtes Juwel! Anfang der 1990er-Jahre war ich schon einmal ein paar Tage im Lake District – und ich wusste seitdem: Ich muss unbedingt nochmal dorthin fahren! 27 Jahre später habe ich es geschafft. Komm mit mir auf einen viertägigen Road- und Wandertrip quer durch den wunderschönen Lake District.

Der Süden des Lake District

Vom Flughafen in Manchester fuhren wir über die Autobahn schnurstracks nach Kendale, das als „Tor zum Lake District“ gilt – obwohl es außerhalb des 58 mal 64 Kilometer großen Nationalparks liegt. Das Nationalpark Centre in Kendale kann auch keine Informationen zu Aktivitäten im Lake District liefern – dafür sind die Information Centre unter anderem in Bowness-on-Windermere, in Keswick und in Glenridding am Ullswater zuständig. Kleine Touristeninformationen finden sich in vielen weiteren Orten. Wir entschieden uns für Windermere, da dieser Ort der nächstgelegene von Kendale aus ist.

Trubeliges Windermere

Windermere war ein kleiner Schock für uns: Obwohl es noch vor Ostern war – die Saison hatte also noch nicht einmal begonnen -, platzte die Stadt aus allen Nähten. Unzählige Autos und Reisebusse blockierten die Straßen und Parkplätze. Am Seeufer, wo die Ausflugsschiffe ablegten, herrschte Hochbetrieb. Viele Informationen erhielten wir im Information Centre direkt am See auch nicht – außer, dass es im Norden des Nationalparks ruhiger ist. Mit Wanderrouten kannte sich die ältere Dame an der Infotheke gar nicht aus.

Idyllisches Cartmel

Also schnell wieder ins Auto und raus aus dem Getümmel. Auf dem Weg Richtung Süden wurde es schon besser. Am Windermere, dem längsten See Englands, entlang ging es zunächst ins Dorf Cartmel. Wir schlenderten zur hübschen Kirche, auf dessen Friedhof die Schafe Rasenmäher spielten. Schließlich landeten wir am Cartmel Village Shop, dem Erfinder des Sticky Toffee Pudding, der es bis über die Grenzen des Lake District hinaus zur Berühmtheit erlangt hat. Sticky Toffee Pudding ist ein süßer Pudding, der mit Sahne, Eis oder Vanillesauce serviert wird und eine komplette Mahlzeit ersetzen kann.

Strandloses Grange-over-Sands

In Grange-over-Sands, einem Dorf knapp außerhalb des Nationalparks, wollte ich gern einen kleinen Strandspaziergang machen, aber dort kommt man nur auf einer Promenade ans Meer – von Sandstrand keine Spur. Also fuhren wir auf engen Straßen, gesäumt von endlosen Steinmauern, zurück nach Windermere und weiter Richtung Norden. Die Auskunft in Windermere erwies sich als richtig: Je weiter nördlich wir kamen, umso einsamer – und schöner – wurde die Landschaft. Während es im Süden relativ flach war, wurden die Erhebungen im Norden immer höher. 987 Meter misst der höchste Berg Englands, alle anderen Berge im Lake District bewegen sich um die 900 Meter.

Eine Unterkunft fanden wir erst nach längerer Suche. Überrascht waren wir von den Preisen: Ein einfaches B&B ist kaum unter 80 Pfund (ca. 92 Euro) zu bekommen. Keswick hat viel Auswahl an B&Bs, doch die Preise weichen kaum voneinander ab. B&Bs sind häufig sogar teurer als Hotels. Wir landeten am Ende im schicken Trout Hotel in Cockermouth – ein paar Kilometer außerhalb des Parks. Hier kostete ein Doppelzimmer auch 80 Pfund, aber das Zimmer und das Frühstück in dem Vier-Sterne-Hotel waren erste Sahne.

Merke: England ist kein billiges Reiseland. Vor allem die Unterkünfte sind um einiges teurer als in anderen europäischen Ländern.

Der Norden des Lake District

Von Cockermouth aus erkundeten wir den Norden des Lake District. Zunächst ging es über eine Traumstraße nach Buttermere. Rechts und links neben der schmalen Straße, bei der wir über jede Haltebucht zum Ausweichen dankbar waren, ragen die Berge in den Himmel. Zum Glück gab es nur wenig Verkehr auf der Straße, sodass wir auch das eine oder andere Schaf am Wegesrand fotografieren konnten.

Wanderfreundliches Buttermere

Zwischen dem Crummock Water und dem See Buttermere liegt das kleine Dorf Buttermere. Das Wetter schien sich trotz einiger Wolken zu halten, also starteten wir mit unserer geplanten Wanderung den Berg hinter dem See hinauf.  Und hier zeigte sich, was man überall über den Lake District liest: Obwohl die Berge nur 900 Meter hoch sind, darf man sie nicht unterschätzen. In Ambleside, im Herzen des Nationalparks, befindet sich das am häufigsten eingesetzte Bergrettungsteam Großbritanniens, das regelmäßig auch Touristen mit ungenügender Ausrüstung oder mangelnden Wanderkenntnissen vom Berg holen muss.

Auch in Buttermere ging es von der ersten Minute an steil nach oben. Und das änderte sich erst, als wir oben am Wasserfall angekommen waren. In den Verschnaufpausen konnten wir immer wieder die tollen Ausblicke über die beiden Seen und auf die umliegenden Berge genießen. Als sich das Wetter verschlechterte, begannen wir den Abstieg – und wurden trotzdem in den letzten zehn Minuten noch nass.

Merke: Auf das Wetter in England ist kein Verlass. Selbst bei strahlendem Sonnenschein solltest du immer zur Sicherheit eine Regenjacke einpacken. Vor allem aus dem Lake District kenne ich kaum Bilder mit wolkenfreiem Himmel.

Der Westen des Lake District

Da sich die Regenwolken hartnäckig in den Bergen hielten, fuhren wir au0em herum über die ereignislose Schnellstraße 595 zu unserer nächsten Unterkunft in der Nähe von Eskdale. Pünktlich bei unserer Ankunft riss der Himmel auf, sodass wir noch einen Abstecher zum wunderbaren Wastwater machen konnten.

Wunderschönes Wastwater

Der tiefste See Englands erinnert an wenig an die norwegischen Fjorde: Steil fallen die Bergwände bis in den See hinab. Die rot-grauen Berghängen kontrastieren mit dem fast schwarzen Wasser. Vor ein paar Jahren sollen Scherzbolde in dem etwas unheimlich wirkenden See eine ganze Kolonie Gartenzwerge ausgesetzt haben. Nach mehreren Tauchunfällen wurden die Gartenzwerge wieder entfernt. Es wird jedoch vermutet, dass sie in den von Polizeitauchern unerreichbaren Tiefen wieder neu aufgestellt wurden.

Kurvenreicher Hardknott Pass

Nach einer Übernachtung in der schlossähnlichen Irton Hall südlich des Wastwater ging es am Morgen zum nächsten Highlight unseres Lake-District-Rundreise: dem Hardknott Pass. Über unzählige Serpentinen fuhren wir immer höher den steilsten Pass Englands hinauf. Bei Steigungen von bis 30 Prozent mussten Auto und Fahrer oft kämpfen. Achtung bei Gegenverkehr auf der engen Straße: Wir mussten einem netten Fahrer, der uns die Vorfahrt geben wollte, sein Auto aus einem Wasserloch schieben, in das es gerutscht war. Abenteuer mitten im Lake District! Doch die traumhaften Aussichten vom Pass sind jede Anstrengung wert.

Merke: Auf den engen Straßen ist beim Fahren besondere Vorsicht angesagt. Ein kleines Auto mit ordentlich PS macht mehr Sinn als ein breiter Wagen, mit dem das Ausweichen vor Gegenverkehr schwierig wird.

Nochmal in den Norden des Lake District

Über Ambleside und Grasmere ging es noch einmal in Richtung Norden. Diese Ecke des Lake District hatten wir beim gestrigen Regen ja noch nicht ausführlich erkundet.

Antikes Keswick

In Keswick haben wir einen Abstecher zum 5000 Jahre alten Castlerigg Stone Circle gemacht, einem der ältesten Steinkreise Europas. Der Kreis besteht aus 38 bis zu drei Meter hohen und 16 Tonnen schweren unbearbeiteten Steinen und hat einen Durchmesser von rund 70 Metern. Zusammen mit den schneebedeckten Bergen, die rund um Castlerigg aufragen, ist dies ein recht mystischer Ort – wenn man sich die ganzen Leute wegdenkt, die ständig ins Bild laufen.

Merke: Der Stone Circle ist ein beliebter Ausflug im Lake District. Willst du Fotos ohne Menschen machen, musst du wahrscheinlich recht früh dorthin aufbrechen.

Einsamer Honister Pass

Nachdem uns der Hardknott Pass so super gefallen hatte, wollten wir mehr! Zwischen Keswick und Buttermere gibt es ebenfalls eine wunderschöne Bergstrecke: den Honister Pass. Dieser ist nicht so bekannt wie sein großer Bruder im Westen, aber ebenso spektakulär. Auch hier reiht sich ein schöner Ausblick an den nächsten.

Von Buttermere aus führt eine weitere sehr ruhige Straße über den Newlands Pass zurück nach Keswick. Die Passstraße beginnt hinter der kleinen Steinkirche in Buttermere, die übrigens auch einen kurzen Besuch wert ist.

Der Osten des Lake District

Unsere nächste Unterkunft befand sich am Haweswater, im äußersten Osten des Lake District. Der Haweswater ist ein Stausee, der 1935 errichtet wurde. Die 470 Meter lange Staumauer wird durch 44 Pfeiler gestützt und war zum Zeitpunkt der Erstellung die erste Pfeilerstaumauer der Welt in Hohlbauweise. Wenn der Wasserspiegel des Stausees im Sommer sinkt, kann man wohl heute noch die Überreste des Dorfes sehen, das sich früher in dem gefluteten Tal befand.

Atem(be)raubendes Haweswater

Die Fahrt über die Dörfer bis zum Haweswater Hotel zieht sich wie Kaugummi, aber dieser abgelegene See lohnt auf jeden Fall einen Besuch. Vier Kilometer hinter dem Hotel endet nämlich die Straße, und es beginnt ein Paradies für Wanderfreunde. Mehrere Wege führen auf die umliegenden Berge oder am See entlang. Wir entschieden uns für die rund sechs Kilometer lange Wanderung auf den Harter Fell. Wieder ging es erst steil hinauf, bis zum Pass über dem See, und auf der anderen Seite über den Small Water zurück zum Haweswater. Vom höchsten Punkt der Wanderung kannst du über die zahreichen Berge des Lake District bis zur Irischen See schauen.

Merke: Die Zeitangaben, die die hilfreiche Website WalkLakes zu den Wanderungen angibt, stimmen nur, wenn du die Berge rauf- und runterrennst. Wir haben sowohl für die Buttermere-Wanderung als auch für die Haweswater-Wanderung doppelt so lange gebraucht wie angegeben.

Unspektakulärer Ullswater

Bevor wir den Lake District verließen, machten wir noch einen Abstecher zum Ullswater, dem zweitgrößten See im Lake District. Viele bezeichnen den Ullswater als den schönsten See Englands. Nachdem wir kreuz und quer durch den gesamten Lake District gefahren waren, muss ich sagen: Der Ullswater hat mich nicht vom Hocker gehauen. Vielleicht liegt es an der stark befahrenen Straße, die direkt am See entlangführt. Vielleicht lag es am dem Kirkstone Pass, der mit den zuvor gefahrenen Pässen bei Weitem nicht mithalten kann. Vielleicht war ich auch einfach gesättigt nach vier Tagen voller Highlights.

Ich kann den Engländern nach unserem Roadtrip auf jeden Fall uneingeschränkt zustimmen:

Der Lake District ist auch für mich eine der
schönsten Ecken Englands

Warst du auch schon mal in England? Was war deine Lieblingsgegend? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

 

 

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3 Kommentare

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