Äthiopien: Begegnung mit einer Beschneiderin

Auf Reisen sehe ich nicht immer nur schöne Strände, tolle Bergpanoramen und faszinierende Regenwälder. Je nachdem, in welches Land ich reise, sehe ich auch oft Armut. Lerne andere Traditionen und Denkweisen kennen. Und versuche zu verstehen. Das ist nicht immer einfach, vor allem, wenn die Ansichten der Menschen vor Ort sich stark von meinen eigenen Wertevorstellungen unterscheiden. Oder wenn – aus meiner westlichen Sicht – anderen Unrecht angetan wird, „weil das ja hier immer schon so gemacht wurde“.

Eines dieser Länder, in dem ich vieles nicht verstanden habe, ist Äthiopien. Mit am beeindruckendsten war dort für mich die Begegnung mit einer Beschneiderin. Mittlerweile hat sie ihr schmerzhaftes Handwerk der weiblichen Genitalverstümmelung aufgegeben. Sie erzählt mir, wie es dazu kam.

Im Gespräch mit einer Beschneiderin in Äthiopien.

Beschneiderin mit 16 Jahren

Zwei Wochen lang war ich mit der Selbsthilfeorganisation „Menschen für Menschen“ (MfM) in Äthiopien unterwegs und besuchte verschiedene Projektgebiete. An einem Tag fahren wir in ein kleines Dorf, um Halima zu besuchen. In ihrer Lehmhütte ist es dunkel, nur ein Lichtstrahl scheint durch die Tür hinein. Auf der Erde sitzt eine circa 50-jährige Frau und erzählt: „Als ich 16 Jahre alt war, zeigten mir meine Nachbarinnen das Handwerk des Beschneidens. Es war so einfach – also verdiente ich mir mein Geld damit.“

Nach Angaben von Terre des Femmes, einer Menschenrechtsorganisation für Frauen, sind 74 Prozent aller äthiopischen Mädchen und Frauen von Genitalverstümmelung betroffen. Zwei Drittel der Beschneidungen werden vor dem vierten Lebensjahr des Mädchen durchgeführt, die allermeisten von einer traditionellen Beschneiderin. Sie praktizieren ihr grausames Handwerk aufgrund jahrhundertealter Mythen und Aberglauben. Das moralische Verhalten von Frauen, Enthaltsamkeit, physische Reinheit und Gesundheit werden als Gründe angeführt, teilweise auch ästhetische Gesichtspunkte.

Die Mehrzahl der Frauen in Äthiopien ist beschnitten.

Im Einsatz gegen die Beschneidung

Als wir miteinander reden, ist Halima bereits eine der vehementesten Gegnerinnen der Beschneidung, die damals noch bei 90 Prozent aller Äthiopierinnen durchgeführt wurde. Ein einträgliches Geschäft also für die Frauen, die dieses schmerzhafte Ritual umsetzen. Woher kam bei Halima der Sinneswandel? Grund dafür war der Kontakt zu „Menschen für Menschen“, die sich in Äthiopien nicht nur für bessere Lebensbedingungen der Landbevölkerung, sondern auch gegen schädliche Traditionen wie die weibliche Genitalverstümmelung einsetzen.

In vielen Gesprächen hat MfM Halima und viele weitere Beschneiderinnen in den Projektgebieten der Organisation davon überzeugt, ihr Handwerk aufzugeben. Auch andere einflussreiche Menschen wie Lehrer, Priester und Dorfoberhäupte wurden in die Gespräche einbezogen. Lang hat es gedauert, bis die Beteiligten überzeugt waren. „Wir haben nun verstanden, dass die Beschneidung mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt“, sagt die ehemalige Beschneiderin, die allerdings auch gehört hat, dass viele Menschen in den umliegenden Dörfern nun alternative Wege suchen, um die Operation weiter durchführen zu lassen. „Ich weiß nicht, wie viele andere Frauen nun als Beschneiderinnen arbeiten oder in entfernte Orte gehen, damit wir nichts davon bemerken.“ Sie versucht, zumindest die Bewohnerinnen in ihrem Ort aufzuklären und von der Genitalverstümmelung abzubringen.

Ehemalige Beschneiderinnen brauchen alternative Einkommensquellen.

Alternativen für die Beschneiderin

Und wie verdient Halima nun ihr Geld? Die Mutter von 16 Kindern brauchte eine Alternative für ihren einst einträglichen Beruf. Halima ist weiterhin als Hebamme tätig und hat von MfM einen Kleinkredit angenommen, mit dem sie einen Kleintierhandel aufgebaut hat. Mit dieser Unterstützung kann sie ihre große Familie ernähren und gleichzeitig den Kampf gegen die weibliche Beschneidung weiterführen.

Nachdenklich verlasse ich Halimas Hütte. Das Gespräch mit ihr wird mir noch lange nachgehen. Warum es auch heute noch Frauen gibt, die anderen Frauen dieses Leid und die unvorstellbaren Schmerzen antun, werde ich niemals verstehen.

Anmerkung

Ich selber bin im Jahr 2000 nach Äthiopien gereist, damals war die Beschneidung noch legal. Seit 2004 ist die Durchführung strafbar, es drohen zwischen drei Monaten und drei Jahren Gefängnis, bei der besonders schweren Form der Verstümmelung drei bis fünf Jahre. Knapp zwei Drittel der äthiopischen Mädchen und Frauen sind laut Terre des Femmes mittlerweile der Meinung, Genitalverstümmelung müsse aufhören. Trotzdem wird das Ritual vielerorts weiter durchgeführt. Die Angst vor Ausgrenzung („Das wird von uns erwartet“) ist oft stärker als die Sorge vor Strafverfolgung.

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade „Mein nachdenklichstes Erlebnis auf Reisen“ von Adventureluap.

 

 

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21 Kommentare

  • Liebe Sabine,
    in den letzten zwei Wochen in Äthiopien hat mich dieses Thema auch viel bewegt. Danke, für diesen intensiven Artikel.
    Liebe Grüße
    Esther

  • Liebe Sabine,
    ein nachdenklich stimmender und sehr interessanter Beitrag. Danke für den informativen und persönlichen Einblick in eine für uns völlig andere Welt. Es ist ein gelungenes Beispiel, wie man journalistische Neugierde mit dem Reisen verbinden kann.
    Well done!
    LG, Simone

  • Liebe Sabine
    Ein toller Beitrag der einen nachdenklich stimmt. Ich denke wenn man vor Ort ist, wie du es warst, ist es emotional noch viel ergreifender, als wenn man in der warmen Stube sitzt und deinen Beitrag liest.
    War es für dich nicht schwierig die „Geschichte“ zu verarbeiten?
    Ich wäre wahrscheinlich noch Tage, Wochen und vielleicht auch Jahre später mit meinen Gedanken immer wieder bei dem Gespräch.
    Liebe Grüsse
    Veronica

    • Liebe Veronica, ich kann mich da ganz gut abgrenzen. Als Journalistin höre ich ja häufiger sehr persönliche Geschichten. Aber klar, das war schon eine ganz besondere Begegnung.

  • Hallo Sabine,

    das war bestimmt kein leichtes Gespräch. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass das Thema vor ein paar Jahren auch hierzulande sehr präsent war, nicht zuletzt durch Waris Dirie und ihre Bücher. Deine Begegnung mit der Beschneiderin fällt in diese Zeit. Wenn mittlerweile zwei Drittel der weiblichen Bevölkerung in Äthiopien gegen die Genitalverstümmelung sind, hoffe ich, dass in den 16 Jahren seitdem auch noch viel mehr Frauen wie Halima dazu gekommen sind, die gegen dieses Ritual kämpfen.

    Danke für diesen nachdenklichen Artikel!
    Liebe Grüße
    Anna

    • Danke, Anna. Leider lief das Gespräch über eine Übersetzerin. Das war dann nicht so unmittelbar, als wenn ich direkt mit Halima hätte sprechen können. Aber was soll man machen, wenn man die Landessprache nicht spricht?

      • Stimmt natürlich. So weit habe ich gar nicht gedacht. Das macht es natürlich noch mal schwieriger, das Gehörte und Gesagte einzuordnen, weil es ja irgendwie schon gefiltert ist.

  • Danke für Deinen nachdenklichen Bericht! Es ist so wichtig, auch in Deutschland/Europa über dieses schreckliche Ritual aufzuklären. Ich glaube, dass man auch deutlich sagen muss, dass die Beschneidung in Äthiopien und anderswo nicht aus „Lust an der Grausamkeit“ gemacht wird, sondern eben aus Sorge, dass man ausgegrenzt wird, dass die Tochter keinen Ehemann bekommt etc.
    Beste Grüße
    Ulrike

    • Danke, Ulrike, für deinen Hinweis. Das ist es ja, was ich am Ende des Beitrags sagte: Wegen der Angst vor Ausgrenzung wird es leider nach wie vor vielerorts gemacht.

  • Es ist für mich natürlich unverständlich, da ich auch anders aufgewachsen bin. Ich will mir das gar nicht vorstellen, die Armen kleinen Mädchen. Gut das hier die Aufklärungsarbeit schon etwas fruchtet. Ich hoffe es wird bald gar keine mehr geben
    Liebe Grüße

  • Hallo Sabine,
    wow, das stimmt wirklich nachdenklich. Schön, dass du einen so ausgeglichenen Artikel dazu geschrieben hast. Denn manchmal neigen wir Europäer ja dazu, solche Dinge mit unserer europäischen Brille ein wenig mit dem erhobenen Zeigefinger zu betrachten und dabei nicht so richtig den kulturellen Hintergrund zu beachten. Daher Daumen hoch 😉
    Viele Grüße
    Imke

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