Schmutzig, aber glücklich: Im Amazonas-Regenwald

Kleiner Charmeur: Der Nachtaffe in Serere

Sobald der Morgen graut, beginnt es: Langsam kommt das tiefe Grollen, pausenlos wie ein laufender Motor, immer näher und zieht langsam über unsere Köpfe hinweg. Wir liegen regungslos in unserer Dschungel-Lodge, nur durch ein Moskitogitter von der Natur dort draußen getrennt, und lauschen fasziniert der Herde von Brüllaffen, die ihr morgendliches Gebrüll angestimmt haben, um miteinander zu kommunizieren. Dieses Ritual ist eines der eindrücklichsten Erlebnisse unseres Regenwald-Aufenthalts im bolivianischen Amazonas-Gebiet.

Vier Tage Gummistiefel

Unsere Tour zur Serere Lodge etwas außerhalb des Nationalparks Madidi beginnt am Vortag ziemlich nass: Bei strömenden Regen nehmen wir auf den Holzpritschen im langen Holzboot am Fähranleger von Rurrenabaque Platz. Zum Glück haben wir Regenponchos bekommen (und sehen damit aus wir laufende Müllsäcke), und das Boot hat ein Dach. Etwas später klart es sich auch schon auf, und wir legen nach zwei Stunden bei Sonnenschein am Ufer des Flusses Beni an. Gut, dass wir bereits bei der Abfahrt Gummistiefel angezogen haben, denn jetzt heißt es, noch einmal eine halbe Stunde durch tiefen Matsch und Tümpel waten. Denn auch hier im Dschungel hat es die letzten Tage viel regegnet, sodass alle Wege unter Wasser stehen.

Knietief im Schlamm. (Foto: Jochen Hafner)

Am Haupthaus der Lodge angekommen, wartet die erste Überraschung auf uns: Zwei Aras begrüßen uns mit ihrem Kreischen, eine Horde Affen tobt über die Dächer, ein Wasserschwein döst mit einem Nachtaffen auf dem Rücken unter einem Baum, und schließlich biegen sogar ein Wildschwein und ein Tapir um die Ecke und beäugen uns neugierig. All diese Tiere leben bei der Lodge, weil sie als Waisen (nachdem Wilderer ihre Eltern erschossen haben) oder verletzt dort abgegeben wurden. Ziel ist es, sie möglichst wieder auszuwildern – aber manche bleiben aus eigenem Antrieb auf Dauer in der Nähe des Hauses, ohne dass sie dort angefüttert oder sonstwie zum Bleiben ermuntert werden.

Der Tapir heißt uns willkommen.

Von Brettwurzeln und Ameisen

Die erste kurze Wanderung am Nachmittag beschert uns weitere Regenlöcher und viel Matsch, aber auch einen tollen Einblick in die Regenwald-Flora und -Fauna: Brettwurzelbäume, hängende Luftwurzeln, Farne und Pilze, unendlich viele verschiedene Pflanzen in den verschiedensten Formen, dazu riesige Ameisen- und Termitenkolonien – und natürlich Mücken. Leider erwischt uns ein Regenschauer auf den letzten Metern, sodass die erste Wäschegarnitur schon mal unwiderbringlich für die nächsten Tage nass ist.

Undurchdringliche Schlingpflanzen.

Nun können wir auch unsere Hütte beziehen, die zehn Minuten vom Haupthaus entfernt steht (du ahnst es vielleicht schon: Ja, es geht wieder durch den Matsch). Ein riesiges Zimmer mit einer Empore und einem Bad empfängt uns, die Wände bestehen nur aus Insektengitter, so dass wir quasi im Freien schlafen. Die kalte Dusche ist nach der Hitze des Tages eine willkommene Erfrischung. Abends treffen wir uns wieder im Haupthaus beim Essen im Kerzenschein – denn Strom gibt es in Serere keinen.

Dschungel-Lodge inmitten der Natur.

Mit dem Tapir auf Pirsch

Am nächsten Morgen geht es mit unserem Führer Mario noch tiefer in den Regenwald hinein. Wir laufen bis zu einem See, an dem wir eine ganze Reihe von Wasservögeln beobachten können. Da hier ein leichter Wind weht, haben wir endlich einmal Ruhe vor den lästigen Mücken. Stattdessen springen in den Bäumen Kapuziner- und Totenkopfäffchen herum. Große Tiere wie Pumas oder Jaguare, die in und um den Nationalpark leben, haben wir nicht entdeckt – das passiert auch eher selten. Dafür folgt uns den ganzen Tag der Tapir aus der Lodge auf unserer Wanderung.

Die zweite Tageshälfte steht ganz im Zeichen des Bootfahrens: Zunächst setzen wir auf die andere Seite des Sees direkt vor unserer Haustür über, wo die Lodge eine Obstplantage unterhält. Zwischen Bananen-, Papaya-, Pampelmusebäumen und Ananasbüschen finden wir zahlreiche Schmetterlinge – darunter den großen blauen Morpho –, Frösche, Libellen und Vögel. Außerdem nimmt ein Aguti, eine Art langbeiniges Meerschweinchen, vor uns Reißaus, das wir beim Früchtestiebitzen gestört haben. Am Nachmittag werfen wir auf unserem Boot die Angelleinen nach Piranhas und anderen Fischen aus – allerdings haben wir kein Anglerglück. Stattdessen werden wir mit einem traumhaften Sonnenuntergang über dem See belohnt.

Sonnenuntergang auf dem See.

Am letzten Morgen unseres Regenwaldaufenthalts betätigen wir uns handwerklich: Aus Nüssen stellen wir in mühevoller Schleifarbeit Ringe her. Diese sind für umgerechnet ein Euro in fast jedem Souvenirgeschäft zu bekommen – für die Arbeit, die dahintersteckt, ein Spottpreis, wie wir jetzt wissen. Nach dem Mittagessen holt uns, nach einer letzten Schlammwanderung zum Anleger, unser Boot ab, das uns zurück nach Rurrenabaque bringt. Die trubelige Stadt fühlt sich nach vier Tagen absoluter Ruhe für uns etwas seltsam an …

Wissenswertes für Regenwald-Besucher

  • Wechselwäsche für jeden Tag einpacken! Die Luft im Regenwald ist so feucht, dass getragene Kleidung klamm bleibt und nicht über Nacht trocknet.
  • Genügend Akkus mitnehmen! Wer Strom benötigt, sollte sich erkundigen, ob es welchen gibt. Wir hatten keinen, sodass wir für die Kamera-Akkus eine mobile Aufladestation mitgenommen haben, die wir in der Stadt mit Strom gefüllt hatten.
  • Insektenschutz nicht vergessen! Mücken gibt es nicht nur morgens und abends, sondern bei den Streifzügen durch die Wälder den ganzen Tag.
  • Nirgendwo hinfassen, ohne vorher genau hinzuschauen! Es gibt im Regenwald einige giftige oder stachelige Pflanzen und Tiere, die unangenehm werden können, wenn man sie anfasst. Also lieber nicht einfach irgendwo aufstützen oder hineingreifen.
  • Schuhe und Stiefel ausschütteln, bevor du sie anziehst! Spinnen, Ameisen, Skorpione und anderes Kleingetier könnten es sich dort gemütlich gemacht haben.
  • Tiere nicht mit Blitz fotografieren! Das kann ihren empfindlichen Augen schaden.
  • Niemals Affen oder andere Wildtiere anfassen oder gar füttern! Zum einen können sie beißen oder kratzen und eventuell Krankheiten übertragen, zum anderen könnten sie sich daran gewöhnen, von Menschen (nicht artgerechtes) Futter zu bekommen, sodass sie ihren Instinkt zur Nahrungssuche und die natürliche Scheu vor Menschen verlieren (was es zum Beispiel Wilderern oder Tierquälern einfacher machen würde).

Mein persönliches Anliegen

Wenn du dich für eine Tour in den Urwald entscheidest, achte bitte darauf, einen Touranbieter auszuwählen, der ökologisch verantwortungsvoll arbeitet – auch wenn es wahrscheinlich ein paar Euro mehr kostet als die Billiganbieter. Zu einem verantwortungsvollen Angebot gehören zum Beispiel ökologisch geschulte Führer, eine umweltfreundlich geführte Lodge, eventuell die Zusammenarbeit mit den nahegelegenen Gemeinden im Dschungel, kleine Gruppen pro Führer.

In Rurrenabaque sollen hier unter anderem die Anbieter Madidi Travel, Chalalán, Mashaquipe und Bala Tours besonders verantwortungsvoll sein (mit dem Zusatz „eco-friendly“ werben leider fast alle Anbieter im Ort). Aus eigener Erfahrung können wir Madidi Travel und unseren Guide Mario sehr empfehlen. Letztlich kommt es jedoch immer auch auf den Führer an, wie ernst er seinen Job nimmt. Leider wurden wir Zeuge, wie eine Gruppe von Bala Tours – offenkundig mit voller Zustimmung und sogar Ermunterung ihres Guides – eine Gruppe von Affen fütterte. Zurück in Rurrenabaque haben wir diesen Vorfall gemeldet und hoffen, dass der Manager entsprechende Konsequenzen zieht und seine Führer noch besser ausbildet.

Nun möchte ich wissen: Was fasziniert dich persönlich am Regenwald? Und warst du selber schon mal dort? Ich freue mich über deine Gedanken in den Kommentaren!

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