Unfruchtbares Äthiopien?

Vor einigen Jahren durfte ich mit der Stiftung „Menschen für Menschen – Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe“ (MfM) einige der Projektgebiete der Entwicklungshilfeorganisation in Äthiopien besuchen. Zusammen mit dem mittlerweile verstorbenen Gründer Karlheinz Böhm bin ich zwei Wochen durch das ostafrikanische Land gereist. Seitdem engagiere ich mich ehrenamtlich für „Menschen für Menschen“.

Das habe ich auf meiner Reise gelernt:

Der Bauer Gassite Deneke hat es in dem kleinen Dorf Alem Katema zu etwas gebracht: Dank „Menschen für Menschen“ geben in seinem Stall zwei Kühe täglich mehrere Liter Milch, zwei starke Ochsen helfen ihm, sein Feld zu pflügen, im Garten hinter dem Haus wachsen Bananen, Akazien als Futter für das Vieh, Zwiebeln und anderes Gemüse. Seine Hütte und die Viehställe sind gegen den Regen sicher geschützt, denn statt traditionell Holz für den Bau zu verwenden, hat Gassite sich ein Steinhaus gebaut.

Die verbesserte Milchproduktion seiner Kühe, Misch- statt Monokultur auf dem Feldern, Stein- statt Holzhäuser – all diese für Äthiopien neuen landwirtschaftlichem Methoden hat Gassite im MfM-Trainingscenter in Alem Katema gelernt, wo er heute selbst als Lehrer tätig ist anderen Bauern das moderne landwirtschaftliche Wissen vermittelt.

Seine Kollegen von den Vorteilen neuer Methoden zu überzeugen, ist nicht immer leicht: „Das Problem der Bauern in Äthiopien ist, dass sie skeptisch gegenüber allem Neuen sind. Sie wollen oft nicht kooperieren“, sagt Gassite. Bestes Beispiel ist sein direkter Nachbar, dessen Felder trocken in der Sonne liegen und dessen Haus bei jedem Regenguss wieder durchnässt wird. Jetzt, da er sieht, was die Methoden bei Gassite bewirkt haben, ist er auch endlich daran interessiert, einmal etwas Neues auszuprobieren. Wie ein äthiopisches Sprichwort sagt: „Kein Zeuge ist besser als die eigenen Augen.“

Alem Katema ist mit rund 6000 Einwohnern der größte Ort im Projektgebiet Merhabete. Über 100.000 Menschen leben insgesamt in der schwierig zugänglichen Region, die durch Tafelberge geprägt ist: Hochplateaus fallen plötzlich bis zu 1000 Meter fast senkrecht in die Tiefe ab. Die meisten Menschen haben sich auf den Bergen niedergelassen, denn in den heißen Tälern herrscht große Malariagefahr. Allerdings haben die Täler auch einen Vorteil: Die Flüsse Wonschit und Jemma führen das ganze Jahr über Wasser.

Diesen Vorteil nutzte MfM für ein Projekt, von dem mehr als 2500 Familien profitieren: Sie bauten gemeinsam mit den Bauern ein Kanalbewässerungssystem, mit dem das fruchtbare Uferland der Flüsse genutzt werden kann. Heute wachsen am Wonschit auf 800 Hektar Mais, Papayas, Bananen, Gewürze, Ananas, Pepperoni – an beiden Seiten des Flusslaufs erstrecken sich sattgrüne Felder.

Angesichts dieser Felder und der Bauern, die auch im Hochland ihre Äcker bestellen, kann man das Bild von Äthiopien als einem Hungerland kaum glauben. In der Tat gibt es in Äthiopien eine Reihe sehr fruchtbarer Regionen – während andere Gebiete Wüsten und damit viel zu trocken für den Anbau von Nahrungsmitteln sind. Aber auch außerhalb dieser extremen Gebiete gibt es aufgrund der schlechten Niederschlagsverteilung Probleme: Die Regenzeit, soweit sie überhaupt in ausreichendem Maße eintritt, dauert durchschnittlich nur fünf Monate im Jahr – und wenn sie zu heftig ist, wird oft ein großer Teil der ungeschützten fruchtbaren Erde einfach weggeschwemmt. Zudem ist der Zugang in viele Landesteile und damit auch der Transport von Lebensmitteln häufig schwierig bis unmöglich, denn Äthiopien, das dreimal so groß ist wie Deutschland, verfügt nur über 3000 Kilometer geteerte Straßen.

Die Bauern in Merhabete haben es auf jeden Fall geschafft: 2010 konnte sich „Menschen für Menschen“ aus dem Projektgebiet zurückziehen und es an die lokale Bevölkerung zurückgeben. Sie können nun auf eigenen Beinen stehen und sich selbst versorgen.

Der Großteil dieser Reportage von mir erschien im Jahr 2000 im „Dialog“, dem Kundenmagazin eines Versicherungsunternehmens.

Warst du auch schon mal in Äthiopien? Was hast du dort erlebt? Ich freue mich auf deine Kommentare!

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