Wie leben Frauen in Äthiopien?

Vor ein paar Jahren hatte ich die einmalige Gelegenheit, mit der Stiftung „Menschen für Menschen – Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe“ einige der Projektgebiete der Entwicklungshilfeorganisation in Äthiopien zu besuchen. Zusammen mit dem mittlerweile verstorbenen Gründer Karlheinz Böhm bin ich zwei Wochen durch das ostafrikanische Land gereist. Seitdem engagiere ich mich ehrenamtlich für „Menschen für Menschen“.

Dies sind einige meiner Eindrücke von dieser Reise:

Mädchen helfen bei der Hausarbeit

Ein letztes Mal prüft die achtjährige Enanu, ob die Lederriemen richtig über den Schultern und vor ihrer Brust sitzen, dann beginnt sie den einstündigen Heimweg – auf dem Rücken den 25 Kilo schweren Wasserkrug, der ihr bei jedem Schritt in die Wirbelsäule drückt.

Schon früh werden die Mädchen von ihren Müttern in die tägliche Hausarbeit eingebunden: Wasser und Holz holen, das Feuer schüren, Essen vorbereiten, sich um die kleineren Geschwister kümmern. Mit neun Jahren müssen sie alle häuslichen Aufgaben beherrschen. Ihre Mütter sind nicht selten bis zu 18 Stunden am Tag mit der Hausarbeit beschäftigt.

Mädchen werden früh verheiratet

Auf dem Land gehen die Mädchen nur so lange zur Schule, wie ihre Mütter ihre Arbeitskraft entbehren können. Für viele ist daher nach drei bis vier Jahren Schluss mit der Ausbildung, spätestens jedoch bei ihrer Hochzeit, die für viele Mädchen bereits im Alter von neun oder zehn Jahren stattfindet.

„Wir versuchen energisch, gegen die Tradition der frühen Verheiratung der Mädchen anzugehen, so Karlheinz Böhm. Gerade kommt er von einem Besuch bei Zeleke, dessen Familie er bereit seit acht Jahren kennt. 1992, als „Menschen für Menschen“ (MfM) seine Projektarbeit im Gebiet Merhabete im Norden Äthiopiens aufnahm, wollte Zeleke seine damals neunjährige Tochter Tigist verheiraten. Böhm konnte den Vater überzeugen, noch einige Jahre zu warten, damit Tigist die Schule besuchen konnte. Heute äußerte Tigist gegenüber ihrem Gast aus Deutschland wieder den Wunsch zu heiraten – mit gerade einmal 16 Jahren. „Ich versuche noch einmal, mit ihr und Zeleke zu reden“, seufzt Böhm.

Frauen bekommen Kleinkredite

Ein gutes Beispiel dafür, was aus selbstbewussten Frauen mit Schulbildung werden kann, ist Bedjeisaru. Die 25-Jährige hat sich zu einer cleveren Geschäftsfrau gemausert. Sie kauft Getreide billig ein und verkauft es wieder kurz vor der nächsten Ernte, wenn die Preise steigen, weil keiner mehr Getreide übrig hat. Mit dem Ertrag ihres Geschäfts hat sich die unverheiratete Bedjeisaru bereits ein solides Steinhaus bauen lassen und kann die Tochter ihrer Schwester zur Schule schicken.

Den Grundstein für ihr Geschäft legte Bedjeisaru mit einem Kleinkredit von MfM. Tausende von Frauen profitieren bereits von den Kleinkrediten, die sie MfM innerhalb von ein bis zwei Jahren zurückzahlen müssen. Die Unternehmerinnen betreiben Ölpressen oder Mühlen, mit denen sie das Dorf versorgen, eröffnen Schneidereien oder Friseurgeschäfte oder kaufen sich Ochsen, um ihre Felder zu bestellen.

Frauen dürfen mitbestimmen

„Frauen werden durch die Kredite unabhängiger und dürfen, da sie ein eigenes Einkommen haben, in der Familie wichtige Entscheidungen mittreffen“, erklärt Yeshimebet Teferi, MfM-Projektleiterin für Frauenentwicklung in Merhabete. „Unsere Kreditnehmerinnen lernen außerdem, was sparen heißt, und leben nicht mehr von der Hand in den Mund.“

Eine Erleichterung für viele Mütter ist auch die Einrichtung des Kindergartens in Yessa. 160 Kinder zwischen vier und sechs Jahren besuchen diese Einrichtung täglich zwischen 8 und 15 Uhr. Das englische und das amharische Alphabet, also die Landessprache, Zahlen, Lieder – wenn sie mit sieben Jahren in die Grundschule gehen, haben sie ihren Mitschülern einiges Wissen voraus. Eine gute Grundlage für die Bildung – für Mädchen ebenso wie für Jungen.

Diese Reportage von mir erschien im Jahr 2000 im „Dialog“, dem Kundenmagazin eines Versicherungsunternehmens.

Warst du auch schon mal in Äthiopien? Was waren deine beeindruckendsten Momente in dem Land? Ich freue mich auf deine Kommentare!

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9 Kommentare

  • Bin gerade von einer 5- wöchigen Tour durch Äthiopien zurück und dabei, die vielfältigen Eindrücke zu ordnen. Neben der großartigen Landschaft zwischen Salzwasserwüste und Simiengebirge lassen mich die vielen Begegnungen mit den wunderbaren Menschen nicht mehr los. Sie waren immer beschäftigt mit dem, was ihren Alltag ausmachte, harter Arbeit unter Bedingungen, die für uns unvorstellbar sind. Und dennoch wirkten sie zufrieden und niemals mürrisch oder gar aggressiv. Wir hielten bei einer Gruppe Bauern, die gerade das Teffgetreide dreschten. Sie freuten sich so über unser Interesse, dass uns sofort Injera mit Chilipaste serviert wurde.

    • Wie schön, dass dir deine Äthiopienreise so gut gefallen hat, Liz! Ja, die Menschen in Äthiopien sind wirklich etwas Besonderes. Das habe ich auch so erlebt.

  • Hach, Äthiopien, da isses ja! :-)
    Meine wichtigsten Eindrücke? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall der immer wieder faszinierende Blick über das Hochland, am besten von oberhalb der entzückenden Georgskirche in Lalibela. A place to see before you die! Aber auch Tibbs – gebratene Fleischstückchen – an der Bude essen, wo neben der Kasse noch die andere Hälfte des Rindviehs hängt. Oder der Gang mit meiner fachkundigen Freundin über dem Viehmarkt, wo wir beinahe hätten ein Schaf ersteigern können. Und, ganz wichtig, die Äthiopier – so nette, freundliche Menschen, die auf unaufdringliche Art stolz sind auf ihr kulturell so reiches Land und sich freuen, wenn man die Begeisterung teilt. Januar 2016 kommen wir wieder …

    • Das alles habe ich in Äthiopien gar nicht gesehen, da ich nur in den Projektgebieten von Menschen für Menschen unterwegs war. Ich sehe schon: Ich werde da noch mal hinmüssen … Danke für deine Eindrücke, Cäcilie!

    • Äthiopien lohnt sich auf jeden Fall – ist aber auf eigene Faust sehr schwer zu bereisen. Ohne einen ortskundigen Führer und Fahrer kommt man dort nicht weit. Gib Bescheid, wenn es soweit bei dir ist, Oli!

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