Liebesbrief an den Mekong

Lieber Mekong,

damals, in Vietnam, hatten wir nicht wirklich Zeit, uns kennenzulernen. Du hattest zu viele andere Besucher und ich zu viele Termine an deinen Ufern, als dass wir uns wirklich mal näherkommen konnten. Daher ist der Funke zwischen uns nicht wirklich übergesprungen.

Bei meinem letzten Besuch bei dir war das anders. Auf meiner vierwöchigen Reise durch Laos liefen wir uns immer wieder über den Weg, und ich habe dich zu den unterschiedlichsten Tages- und Nachtzeiten mit all deinen Launen kennengelernt. In den vier Wochen bist du mir wirklich ans Herz gewachsen.

Den ersten Blick auf dich durfte ich schon bei der Einreise nach Laos werfen:  Von der thailändischen Grenzstadt Chiang Kong bin ich am Morgen um acht Uhr mit der ersten Fähre über dich hinübergesetzt, lieber Mekong. Deine Anrainer auf der laotischen Seite deines Ufers sind wirklich ein gelassenes Völkchen: Ein Grenzbeamter sammelte sämtliche Pässe der Bootspassagiere ein und versuchte, uns nach erfolgter Stempelung eine Stunde später die Pässe wieder zuzuordnen. Leider konnte er die Namen der westlichen Besucher nicht aussprechen, sodass die Verteilung einer der Reisenden übernahm.

Die meisten von ihnen begaben sich anschließend auf die zweitägige Fahrt über den Mekong bis nach Luang Prabang. Ich hingegen bin dir erst noch einmal fremdgegangen und auf anderen Flüssen weiter im Norden geschippert, darunter auf dem Nam Tha in Luang Namtha und auf dem Nam Ou.

Ein Wiedersehen mit dir gab es erst neun Tage später, als ich aus nördlicher Richtung in Luang Prabang ankam und dort dich, meinen Freund Mekong, wieder erreicht hatte. So manch ein Abend saß ich mit müden Füßen nach den Besichtigungen der zahlreichen Tempel von Luang Prabang an deinem Ufer. Du serviertest mir dabei Cocktails und die schönsten  Sonnenuntergänge.

Als nächstes durfte ich eine dich von einer ganz anderen Seite kennenlernen: aus der Vogelperspektive. Auf dem Flug von Luang Prabang nach Pakxe im Süden des Landes folgte ich deinem Lauf und sah, wie du immer breiter und mächtiger wurdest.

In Pakxe hast du mir einen lustigen Abend beschert: Du beherbergst ein beliebtes laotisches Restaurant auf deinem Wasser. Ich und mein Partner waren die einzigen Westler auf dem Restaurantschiff , und so wurde uns extra ein Einzeltisch inmitten der Gruppentische zurechtgemacht. Auf dem Präsentierteller fühlten wir uns etwas seltsam, aber die anderen Besucher waren mit so sehr mit Karaoke-Singen beschäftigt, dass sie uns gar nicht beachteten, während wir unsere fantastischen Fischgerichte verspeisten, die du, lieber Mekong, uns präsentiert hast. Als es anfing zu regnen, halfen uns ein paar der Gäste, unseren Tisch unter die Plane zu schieben, so dass wir noch näher an der Bühne saßen und kaum mehr unser eigenes Wort verstanden. Lustig war der Abend mit dir, lieber Mekong, und dein Fisch schmeckte vorzüglich.

Etwas südlich von Pakxe trafen wir uns erneut: In Ban Muang, wo du schon so breit bist, dass sich Inseln in deinem Wasser bilden, setzt eine Fähre hinüber nach Champasak. Trotz deiner Größe strahltest du hier eine unglaubliche Ruhe und Stille aus. Ich hätte stundenlang an deinem Ufer sitzen und dich beobachten können. Hier habe ich mich schon ganz schön in dich verliebt, mein lieber Mekong.

Champasak, die ehemalige Königsstadt, zieht sich fünf Kilometer lang an deinen Ufern entlang. Auf unserer Radtour durch den Ort haben wir dich leider etwas aus den Augen verloren, aber deine Reisfelder entlang der Strecke sind wirklich sehr hübsch, mein Kompliment. Auch den Khmer-Tempelkomplex Vat Phou hast du gut hinbekommen. Wahrscheinlich haben dich die Bauherren seinerzeit genauso geliebt und deshalb die Tempel so nah an deine Ufer gebaut.

Aber ich muss schon sagen, lieber Mekong: Bei dir wird mir manchmal ganz schön heiß. Nach der Radtour durch die glühende Sonne war ich froh, dass ich am Tempeleingang in einen Elektrobus steigen durfte, um mich zu den Stufen des Tempels bringen zu lassen. Die Treppe zum Heiligtum hinauf war eine ganz schöne Herausforderung. Von oben hatten wir einen schönen Blick über die gesamte Anlage – aber dich, lieben Mekong, konnte ich leider von hier nicht entdecken.

Am nächsten Tag auf unserer Weiterfahrt Richtung Süden wurdest du noch breiter, sodass sich gleich mehrere bewohnte Inseln in deinen Fluten gebildet haben. Die größten sind Don Khong sowie Don Det und Don Khon (wie kommst du nur mit diesen so ähnlich klingenden Namen zurecht, lieber Fluss?). Wir hatten uns für Inselhopping auf zwei deiner Bewohner, Don Det und Don Khon, entschieden. Diese beiden Inseln hast du durch eine Brücke miteinander verbunden. Don Khon ist die ruhigere Insel von beiden.

Dort mieteten wir uns Fahräder und fuhren zunächst dorthin, wo du deine wilde Seite zeigst, lieber Mekong: zum zehn Meter hohen Wasserfall. Da hast du den Schiffbauern, die dich von China bis zum Meer schiffbar machen wollten, aber ein ganz schönes Schnippchen geschlagen! Anschließend radelten wir weiter bis ans Ende der Insel, wo wir eigentlich deine seltensten Bewohner sehen wollten: die Irawadi-Delfine. Aber wie das mit seltenen Tieren so ist: Wir sahen an diesem Tag keinen Delfin. Ich hoffe, lieber Mekong, dass dir diese Tiere noch lange erhalten bleiben.

Weil uns Don Khon dann doch etwas zu ruhig war, wechselten wir für zwei Nächte auf das etwas belebtere Don Det. Unser Reiseführer hatte uns vor einer Partyinsel gewarnt. Aber hier hast du offenbar ein Machtwort gesprochen, mein lieber Mekong: von Party keine Spur. Vielen Dank dafür! Zwei Tage pendelte ich zwischen Hängematte und Restaurant, immer mit Blick auf meinen geliebten Mekong. Du hast hier an deiner breiten Stelle schon ganz schön viel Strömung. Es ist bestimmt auch nicht unanstrengend, wie du dir deinen Weg durch die Inseln hindurch bahnen musst. Nur wenige Kilometer weiter fließt du dann hinüber nach Kambodscha. Wir folgten deinem Lauf jedoch nicht weiter, sondern mussten uns an dieser Stelle von dir verabschieden, lieber Mekong.

Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns eines Tages wiedersehen. Vielleicht in Kambodscha, wenn ich mir noch mal etwas anderes ansehen werde als Angkor Wat? Vielleicht in Myanmar, was ganz oben auf meiner Reiseliste steht? Oder doch noch mal in Vietnam, wo es damals zwischen uns noch nicht gefunkt hatte? Vielleicht zeigst du mir beim nächsten Mal auch dein grünes Kleid. Dieses Mal, in der Regenzeit, hattest du dich ja ganz in braun gewandet. Aber egal, wie du ausschaust und wo du entlangfließt: Ich finde dich in all deinen Kleidern und Stimmungen sehr liebenswert, mein liebster Mekong! Bis hoffentlich bald,

Deine Sabine

Hast du auch einen Fluss, der die besonders an Herz gewachsen ist? Welcher ist das – und warum? Verrätst du es mir in den Kommentaren?

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8 Kommentare

  • Schöne Liebesgeschichte. Für meine Reise war der Mekong der Anfang und das Ziel. Für viele ist die alte Lokomotive das Fotomotiv auf Don Det. Für mich war es auch der Baum wie auf deinem letzten Bild. Ich hab mit immer wieder vorgestellt wie der Mekong wohl zur Regenzeit aussieht. Jetzt weiß ich es
    danke
    herbb

  • Einen Lieblingsfluss, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Der Douro hätte das Zeug dazu, oder die Mosel. Die Windungen, die Hänge an beiden Seiten des Ufers sind einfach atemberaubend.
    Schön geschrieben, deine Liebeserklärung an den Mekong. Vielleicht darf ich ihn ja auch bald erleben.
    Liebe Grüße
    Antje

  • Ah, der Mekong! In Laos macht er einem ja wirklich leicht, sich in ihn zu verlieben. Dort kenne ich ihn nur in Luang Prabang und Vientiane, dein Liebesbrief macht definitv Lust auf mehr!
    Ein Fluss, der mir ans Herz gewachsen ist?
    Da ist die Donau, an deren Zufluss Schwechat ich aufgewachsen bin.
    Der Rhein, an dem meine Kinder groß geworden sind.
    Und die Newa, eine Art Hassliebe – so schön sie ist, so schwierig war meine Zeit dort, aber das ist eine andere Geschicthe. Zu einem Spaziergang entlang der Newa werde ich dich ja in zwei bis drei Wochen im Zuge deiner Stadt-Land-Fluss-Blogparade mitnehmen. Übrigens eine geniale Idee!
    Liebe Grüße
    Steffi

    • Es ist schon spannend, wie viele Flüsse uns einen Teil unseres Lebens begleiten, nicht wahr? Ich freue mich schon auf deinen Bericht über die Newa!

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