Bären beobachten in Estland

Bärenhütten im Wald

Es gibt in Europa nicht viele Orte, an denen wilde Bären leben. Estland ist eines dieser Länder. Rund 700 Braunbären sind hier heimisch. Da ich noch nie einen Bären in freier Wildbahn gesehen habe, stand für mich fest: Auf unserer Estland-Rundreise will ich auf jeden Fall Bären beobachten!

Die meisten der 700 estnischen Bären leben in der Gemeinde Alutaguse, im Osten des Landes, zwischen Peipussee und Lahemaa-Nationalpark. Hier hat der Naturreiseveranstalter Natourest zwei einfache Hütten gebaut, von denen aus du die Bären beobachten kannst. Nachdem ein anderer Wald, in dem die vorherige Bärenbeobachtungshütte von Natourest stand, abgeholzt worden war, haben die Inhaber beschlossen, ein eigenes Waldstück zu kaufen, um dort den Erhalt der Bären und anderer Tiere zu sichern. In der neuen Hütte, die sie dort errichtet haben, durften wir eine Nacht verbringen. Haben wir tatsächlich Bären gesehen? Komm mit auf unsere Nacht in der Bärenbeobachtungshütte:

17 Uhr – Treffen im Wald

Um Punkt 17 Uhr treffen wir uns mit Andres, einem Mitarbeiter von Natourest, im Wald. Wir haben von der Agentur die GPS-Koordinaten bekommen, sonst hätten wir den kleinen Waldweg kaum gefunden. Wir parken unser Auto am Ende des Pfades und nehmen nur die kleine Tasche mit, in der sich Dinge befinden, die wir für die Nacht brauchen. Das ist nicht viel: Essen und Wasser für den Abend und den Morgen (Alkohol ist in der Hütte nicht erlaubt), eine Taschenlampe, weil die Hütte keinen Strom hat, warme Socken, denn eine Heizung gibt es auch nicht, und natürlich unsere Kameras. Im Gänsemarsch folgen mein Mann und ich sowie ein weiterer Gast aus Deutschland Andres in den Wald. Schon jetzt sind wir ruhig, damit wir die Bären, die sich wahrscheinlich in der Nähe aufhalten, nicht aufschrecken.

Elchlosung auf dem Weg

Elche haben ihre Spuren hinterlassen. (Foto: Jochen Hafner)

18 Uhr – Einrichten zum Bären beobachten

Nach eine Viertelstunde Fußmarsch stehen wir vor zwei unauffälligen Hütten an einer Lichtung. Die schlichten dunkelbraunen Häuschen fallen im Wald gar nicht auf. Sollen sie ja auch nicht, damit die Tiere gar nicht erst auf den Gedanken kommen, dass sich hier Menschen aufhalten könnten. Andres gibt uns eine kurze Einweisung: Absolut ruhig verhalten, vor acht Uhr am nächsten Morgen die Hütte nicht verlassen. Er überreicht jedem von uns ein professionelles lichtstarkes Fernglas und entlässt uns dann für die Nacht. Bevor er geht, verteilt er vor den Hütten noch ein paar Fischreste, die er in einem Eimer mitgebracht hat. Natourest hat die Genehmigung, im Frühjahr die Bären anzufüttern, weil sie dann selber noch nicht soviel Futter finden.

Hütte im Wald zum Bären beobachten

Die Bärenbeobachtungshütten fallen im Wald kaum auf.

Währenddessen schauen wir uns in der Hütte um: Insgesamt acht Etagenbetten mit Kissen und Schlafsäcken stehen in zwei Räumen zur Verfügung. In der Mitte der Hütte ist eine Chemietoilette – fließendes Wasser gibt es nicht. Vorn und hinten an der Hütte sind rund 30 Zentimeter hohe Fensterschlitze angebracht, vor denen eine ganze Reihe von Stühlen steht.

Ich bin froh, dass wir an diesem Abend nur zu dritt in der Bärenbeobachtungshütte sind. Mit jeweils neun Leuten in zwei Hütten entsteht bestimmt immer ein bisschen Unruhe, was die Tiere fernhalten könnte. Wir richten uns also mit unseren paar mitgebrachten Dingen schnell ein und beziehen Stellung an den Fenstern: der deutsche Student und ich auf der einen Seite der Hütte, mein Mann auf der anderen Seite. So dürfte uns keine Tiersichtung entgehen.

Eichhörnchen am Baum

Das erste Tier!

19 Uhr – Warten auf die Bären

Noch passiert nichts. Auf unserer nördlichen Seite schauen wir auf eine Wiese, hinter der schon bald der Wald beginnt. Ein paar Buchfinken und Meisen springen auf den Bäumen vor unserem Fenster herum. Auf der südlichen Seite der Hütte windet sich ein kleiner Bachlauf um eine Halbinsel herum. Hier schwimmen ein paar Enten vorbei, und ein Kranichpaar landet neben dem Wasser. Dahinter befindet sich eine Wiese mit Gebüsch, weiter hinten beginnt der Wald. Wir überlegen, ob wir die Fotoluken öffnen, um ohne Scheibe fotografieren zu können, entscheiden uns aber dagegen, denn die Fenster sind sehr sauber, und durch die Luken könnten uns die Tiere vielleicht eher riechen und deshalb fernbleiben.

Blick auf der Bärenbeobachtungshütte in den Wald

Der Blick aus dem Fenster – acht Stunden lang.

21 Uhr – Das Warten geht weiter

Außer einem Eichhörnchen, das vor unserem Fenster auf den Bäumen herumturnt, hat sich noch nichts getan. Ich werfe einen Blick ins Gästebuch: Vor zwei Tagen haben drei Bären die Hütte besucht. Gestern kamen sechs Marderhunde und vier Bären vorbei. Letzte Woche wurden ein Fuchs und zwei Wildschweine gesichtet. Ich freue mich bislang über jeden Vogel, der sich blicken lässt. Mit unseren Ferngläsern scannen wir den Waldrand ab. Hat sich dort etwas bewegt? Nein, es war nur ein Schatten. Die Florfliegen, die sich an unseren Fenstern sammeln, sorgen für optische Täuschungen: Da, ein Tier! Nein, es war doch nur eine Fliege vor dem Objektiv …

Völlig still sitzen wir Stunde um Stunde auf unseren Stühlen vor den Fenstern. Regungslos warten kann etwas Meditatives haben. Auf der Nordseite wird es langsam dunkel. Ohne die lichtstarken Ferngläser ist in der Entfernung kaum noch etwas zu erkennen. Die Südseite ist länger