Querfeldein: Moorschuhwandern in Estland

Rund ein Fünftel der Fläche von Estland besteht aus Moor. Vor allem im Hochmoor ist das Laufen eigentlich unmöglich, weil der Boden viel zu weich ist und man tief in den nassen Untergrund einsinken würde. Außer man bewegt sich auf Moorschuhen durchs Gelände! Genau das haben wir auf unserer Tour durch Estland gemacht: Katariina von Natourest, einem Naturreiseveranstalter im Baltikum, hat uns auf einer Moorschuhwanderung übers Wasser geführt.

Katariina leitet uns sicher durchs Moor. (Foto: Jochen Hafner)

Auf ins Hochmoor Marimetsa

Südlich des Ortes Risti, eine Stunde von Tallinn entfernt, liegt das Naturschutzgebiet Marimetsa. Das älteste Hochmoor Estlands ist ein kleiner Geheimtipp, der in kaum einem Reiseführer zu finden ist. Entsprechend wenig ist hier los: Außer ein paar einheimischen Hundespaziergängern treffen wir keinen Menschen.

Unsere Wanderung beginnt an einem ausgeschilderten Wanderparkplatz knapp fünf Kilometer südlich von Risti an der Straße 10. Katariina hat für uns Moorschuhe mitgebracht. Sie sehen aus wie Schneeschuhe und sollen uns das Laufen im Moor erleichtern. Erst einmal müssen wir jedoch das Hochmoor erreichen. Ein Schild am Parkplatz zeigt uns die Wanderstrecke bis zum 4,5 Kilometer entfernten Aussichtsturm, zwei Kilometer davon sind ein Holzbohlenweg.

Zwei Kilometer schnurstracks durchs Hochmoor.

Quer durchs Niedermoor

Wir überqueren auf einer Holzbrücke den Bach Marimetsa oja und gelangen in einen Wald. Nun befinden wir uns im Niedermoor, erklärt uns unsere Naturführerin und weist während unserer Wanderung immer wieder auf Besonderheiten hin. Wir lernen zum Beispiel, dass der unscheinbare Sumpfporst zur Blütezeit im Juli/August im wahrsten Sinne des Wortes betörend sein kann. Denn seine Blüten verströmen ätherische Öle, die eine berauschende Wirkung haben. In alten Zeiten sollen sie sogar zur Betäubung bei Operationen eingesetzt worden sein. Und nun wird uns auch klar, warum es so viele gruselige Geschichten von Menschen gibt, die orientierungslos im Moor herumgeirrt sind – sie haben wahrscheinlich Sumpfporst gerochen …

Eine tückische Pflanze: Sumpfporst.

Begleitet von Tausenden von lila Leberblumen am Wegesrand, wird das waldige Niedermoor bald lichter, und wir gelangen ins Hochmoor. Die Bäume verschwinden, nur noch ein paar vereinzelte kleine Kiefern stehen im Gelände. Kaum zu glauben, aber diese zwei bis drei Meter hohen Bäume sind zwischen 300 und 400 Jahre alt! Da Hochmoore einen sauren, nährstoffarmen Boden haben, haben es Bäume hier halt schwer. Ein Hochmoor lässt sich mit einem vollgesogenen Schwamm vergleichen. Gefüllt mit Regenwasser liegt es wie eine umgestülpte Schüssel je nach Niederschlag mal mehr, mal weniger hoch im Gelände und ist bedeckt von Gräsern.

Kleine, alte Kiefer im Hochmoor. (Foto: Jochen Hafner)

Auf Moorschuhen durchs Hochmoor

Hier beginnt auch der Holzbohlenweg, denn nun ist der Untergrund zu nass, um dort laufen zu können. Etwa nach der Hälfte der Holzplanken startet der spannendste Teil unserer Tour: Ab auf die Moorschuhe! Die ersten Schritte auf unseren Riesenschuhen sind gewöhnungsbedürftig. Auf dem weichen Boden sinke ich beim Laufen immer einige Zentimeter ein – zum Glück habe ich wasserdichte Wanderschuhe an.  Sobald ich die Laufrichtung ändere, trete ich mir auf den hinteren Teil meines Moorschuhs, sodass ich mich selbst blockiere.

Silly Walk in Marimetsa. (Foto: Jochen Hafner)

Mein Mann hat es noch schwerer als wir zwei Frauen, weil er aufgrund seiner Schuhgröße noch längere Moorschuhe bekommen hat. Zweimal kippt er hinter mir lautlos ins Moor, ohne dass ich es merke. Zum Glück ist ihm das nicht in der Nähe eines überwachsenen Wasserlochs passiert. Katariina erklärt uns, dass in diesen hellgrünen Löchern problemlos Menschen bis zur Schulter einsinken und sich ohne fremde Hilfe nicht mehr befreien können. Laufen also nur auf den braunen Stellen, bitte!

Achtung: Hier geht’s runter!

Schwimmen in Moorseen

An einem Flusslauf müssen wir kapitulieren und zum Bohlenweg zurückkehren, denn das Wasser ist zu tief, um es mit Moorschuhen zu durchqueren. Für mich sah es gar nicht so unüberwindbar aus, aber ich verlasse mich bei der Wanderung natürlich auf das Urteilsvermögen unserer Moorexpertin. Zurück auf den sicheren Bohlen schnallen wir unsere Moorschuhe ab und laufen die letzten Hundert Meter zum Aussichtsturm.

Ausblick über den Badesee.

Am Fuße des Turms liegen mehrere rund drei Meter tiefe Wasserlöcher, so genannte Kolke oder Mooraugen. Sobald es warm genug ist, nutzen die Esten diese Kolke zum Schwimmen. Im April ist es uns eindeutig noch zu kalt dafür. Aber der quietschblaue Himmel lässt die Waserlöcher im Braun des Moores regelrecht strahlen. Wir drehen eine Runde um einen dieser wunderschönen Moorseen und treten dann den Rückweg zum Parkplatz an. Nach der Tour sind wir uns einige: Moorschuhwandern ist spannend, aber auch nicht unanstrengend. Den Bauern, die früher zur Grasernte Moorschuhe genutzt haben, gebührt mein voller Respekt.

Moorseen am Ende des Holzweges.

Hinweis: Der Naturreiseveranstalter Natourest hat uns zu dieser Moorschuhwanderung in Estland eingeladen. Meine Meinung wurde durch die Einladung nicht beeinflusst, die Inhalte des Beitrags habe ich wie immer frei gewählt.

Warst du schon mal im Moor? Wie hat dir dieser ganz besondere Lebensraum gefallen? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

 

 

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4 Kommentare

  • Mich faszinieren die Moorlandschaften auch. Ganz besonders freue ich mich, wenn ich dem Sonnentau begegne. Das ist einfach eine richtig interessante Pflanze. Das die Bäume alle schon so alt sind, hat auch uns verblüfft. Sehen gar nicht danach aus. Das Wasser in den Hochmooren soll man ohne Bedenken trinken können. Eine Moorschuhwanderung haben wir allerdings noch nicht gemacht. Kann ich mir vorstellen, dass es eine Umstellung ist.

    • Ich kannte bisher nur das Hohe Venn in Belgien. Da habe ich aber noch nie etwas von Moorschuhwanderungen gehört … Und ja, das Wasser ist wohl in der Tat trinkbar, das erzählte uns unsere Moorführerin auch.

    • Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es die gleichen Schuhe sind oder etwas abgewandelt. Aber lustig war es auf jeden Fall :-)

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