Besseggen: Gratwanderung in Norwegen

Im Jahr 2000 war ich das erste Mal in Norwegen. Ich stieg in Köln in mein Auto und fuhr allein drei Wochen lang kreuz und quer durch das Land. Jeden Abend kam ich an einem wunderschönen Ort an, die Sonne schien, am Folgetag wollte ich wandern gehen. Am nächsten Morgen: Es regnet in Strömen, die Wanderung fällt ins Wasser, ich fahre weiter, dem Regen davon. Am Abend dann das gleiche Spiel: Sonne, Vorfreude auf die Wanderung – und am nächsten Morgen wieder Regen. Ich hatte drei Wochen lang wirklich Pech mit dem Wetter.

Auf nach Jotunheimen

Doch Norwegen und seine schönen Wandergebiete ließen mich nicht los. Drei Jahre später beschloss ich, spontan in den Flieger zu steigen, um eine ganz bestimmte Wanderung zu unternehmen. Vom Flughafen in Sandfjord aus nahmen wir einen Mietwagen und fuhren auf direktem Weg zum Nationalpark Jotunheimen. Die Gjendesheim Turisthytte am Gjendesee hatte zum Glück noch zwei Betten im Schlafsaal für mich und meinen Mitfahrer frei. An Schlaf war jedoch aufgrund der Schnarcher im Saal und der hellen Mitternachtssonne kaum zu denken.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück nahmen wir die erste Fähre nach Memuburu am anderen Ende des Gjendesees und starteten unsere Wanderung über den Besseggengrat. Jährlich sollen laut Wikipedia 30.000 Wanderer diesen Weg gehen – was mich angesichts der Schönheit der Landschaft nicht verwundert.

Blick auf den Gjendesee

Vom Fähranleger aus folgen wir dem Wegweiser nach Beseeggen zunächst gemächlich, dann immer steiler aufwärts. Oben angelangt wird der Weg bald etwas schmaler, und es wird auch wieder anstrengender. Wir schlängeln uns den steilen Hang und Büsche hindurch den Weg hinauf, und die Anstrengung wird belohnt: Der Gjendesee liegt uns zu Füßen.

Je höher wir gelangen, umso steiniger wird unser Weg. Wir folgen den roten T-Markierungen und haben bald freien Blick auf die über 2000 Meter hohen Berge und Gletscher um uns herum. Es geht vorbei an ein paar kleineren Seen, bis wir an den Grat gelangen, der vor allem durch Henrik Ibsens Roman „Peer Gynt“ so bekannt wurde. Dort wird die Stelle dramatisch beschrieben:

Sahst du jemals nah den Gendin-Grat? Der macht dir bang: Eine halbe Meile lang, wie ’ne Sense scharf ist der …

So schlimm wie in Henrik Ibsens Drama ist es aber gar nicht. Der Grat ist an den meisten Stellen mehrere Meter breit, und abgestürzt ist offenbar noch keiner. Laufen und gleichzeitig Schauen und Staunen solltest du allerdings vermeiden. Lieber stehenbleiben und die Aussicht auf den blau bis türkis leuchtenden Gjende auf der rechten Seiten und den dunkelblau schimmernden See Bessvatnet auf der linken Seite genießen – ein Traum!

Bei der Überquerung des Grats heißt es dann auf jeden Fall aufpassen, hin und wieder müssen wir sogar unsere Hände zum Kraxeln zur Hilfe nehmen. An zwei Engstellen kann es zu Staus kommen, wenn zu viele Wanderer auf einmal unterwegs sind. Rund eine Dreiviertelstunde später erreichen wir den Gipfel des Veslfjellet. Von dort aus geht es nunmehr bergab zurück nach Gjendesheim, wo wir nach sechs Stunden erschöpft, aber glücklich ankommen.

Tipps für die Wanderung:

  • Du kannst die Wanderung auch an der Hütte starten und auf dem Rückweg das Boot nehmen. Dann hast du aber immer den Zeitdruck, auf jeden Fall die letzte Fähre erwischen zu müssen. Entspannter ist es daher, die Bootstour an den Anfang der Tour zu setzen.
  • Da der Besseggengrat eine der beliebtesten Wanderwege in Norwegen ist, solltest du vor allem in der Hochsaison und am Wochenende früh am Fähranleger sein. Am besten direkt in der Gjendesheim Turisthytte übernachten, dann sollte es mit einem Platz auf der Fähre klappen.
  • Wer an der Hütte startet und das letzte Boot verpasst, kann auch am Ufer des Gjendesees zur Hütte zurücklaufen – aber das bedeutet noch mal eine dreistündige Wanderung, ist also nur für Hardcore-Wanderer zu empfehlen.
  • Bei der Wanderung von Memuburu aus solltest du dich regelmäßig umdrehen – denn die schönsten Aussichten liegen meist hinter dir.
  • Feste Wanderschuhe sind ein Muss, denn es geht buchstäblich über Stock und Stein.
  • Bitte bleib auf den vorgegebenen Wegen! Bei bis zu 30.000 Besuchern pro Jahr wird das Gelände stark beansprucht, und die Wege werden immer mehr ausgetreten. Auch nachfolgende Wanderer sollen doch noch sicher nach oben und wieder hinunter kommen.
  • Für die sechs bis sieben Stunden Wanderzeit solltest du konditionell fit sein und genügend Wasser und Essen mitnehmen – es gibt außer an der Hütte nirgendwo die Möglichkeit, etwas zu kaufen.
  • Auch wenn der Grat nicht allzu gefährlich ist, solltest du trotzdem trittsicher sein und nicht an einer ausgeprägten Höhenangst leiden. Manchmal musst du die Hände zum Klettern zur Hilfe nehmen. Im Notfall umkehren geht nur, wenn du die Hütte als Startpunkt gewählt hast – zurück zum Bootsanleger schaffst du es nicht mehr bis zur letzten Abfahrtszeit.
  • Unbedingt einen aufgeladenen Akku und genügend Speicherplatz für die Kamera mitnehmen, denn die Ausblicke von dort oben sind einfach traumhaft und du wirst mehr Fotos machen, als du vielleicht glaubst.

Falls du einmal in die Gegend um Jotunheimen kommst, solltest du diese einmalige Wanderung nicht verpassen. Ich wünsche dir dazu auf Anhieb gutes Wetter!

Schon gesehen? Einen weiteren Norwegen-Wandertipp von mir gibt es für die Lofoten: einmal den Reinebringen hinauf und wieder hinunter.

Was sind deine besten Wandertipps für Norwegen? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

PS: Der Titel des Posting, „Gratwanderung“, ist übrigens nicht zufällig gewählt. Dominik vom Blog Neon Wilderness hat mit *.txt eine schöne Aktion ins Leben gerufen: Alle drei Wochen wählt Dominik ein beliebiges Wort aus, und die teilnehmenden Blogger schreiben zu diesem Wort eine Geschichte. Das erste Wort hieß „Gratwanderung“. Bin schon gespannt, was das nächste Wort sein wird und ob es genauso gut zum Reisen passen wird … Wer noch mitmachen will: Hier geht es zu *.txt

 

 

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4 Kommentare

  • Grandiose Tour. Ich war diesen Sommer dort. Diese einzigartige Landschaft hat mich sprachlos gemacht. Wir sind die Tour von Gjendesheim aus gegangen, weil wir nicht so lange auf das erste Boot warten wollten und so der Menschenmenge ein wenig voraus sein konnten. Zeitlich geht sich das sehr gut aus.

    Dein Blog gefällt mir übrigens sehr gut. Kompliment!

    Liebe Grüße,

    Susi/berghasen.com

  • Wow der Ausblick und rundherum nur Natur, herrlich! Wahrscheinlich wäre die Richtung in den Regen damals besser gewesen 😉 oder auch nicht und er wäre dir trotzdem gefolgt *gg*
    Liebe Grüße Tanja

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