Norwegen: Wanderung zum Preikestolen

Aussicht vom Preikestolen über den Lysefjord

Die Wanderung zum Preikestolen – auf deutsch: Predigerkanzel – gehört für viele zum Highlight ihrer Norwegenreise. Ich war schon zweimal dort und beide Male schwer beeindruckt.

Der Preikestolen liegt in der Provinz Rogaland oberhalb des Lysefjords. Wer von Kristiansand aus die Fähre nach Dänemark nimmt oder von dort kommt und die Küstenstraße E39 hinauffährt, hat es nicht weit bis Jørpeland, dem nächstgelegenen Ort zum Preikestolen. Wir haben den berühmten Felsen auf der Rückfahrt unserer vierwöchigen Norwegen-Rundreise besucht und sind am nächsten Tag bis Kristiansand gefahren.

Tausende von Besuchern am Preikestolen

Von Jørpeland sind es 14 Kilometer bis zum Parkplatz, von dem aus die Wanderung zum Preikestolen beginnt. Vier Kilometer vor dem Parkplatz befindet sich auch ein Campingplatz für alle, die ganz früh zum Preikestolen aufbrechen wollen. Die Idee ist gar nicht so schlecht – denn im Laufe des Tages werden Hunderte andere sich ebenfalls auf den Weg machen. Bis zu 300.000 Besucher pro Jahr soll es auf den Preikestolen ziehen.

Wir sind erst am Nachmittag in Jørpeland angekommen und wollten eigentlich am folgenden Tag die Wanderung machen. Allerdings hörte sich der Wetterbericht nicht gut an: Dauerregen war für den nächsten Tag angesagt. Also entschieden wir, nachdem wir unser kleines Häuschen in Jørpeland bezogen hatten, noch am Abend zum Preikestolen zu laufen. Zum Glück ist das in Norwegen im Sommer kein Problem: Die Sonne geht erst sehr spät unter, wir hatten also genügend Zeit.

Um 17 Uhr erreichen wir den Wanderparkplatz, der noch voller Autos ist, und laufen los. Zunächst ist der steile Weg von Parkplatz aus noch breit genug, dann folgt der Aufstieg über Felsgeröll. Hier wird es etwas mühsam: Da die meisten sich schon auf dem Rückweg befinden, müssen wir an engen Stellen häufig warten, bis wir die Felsen hochklettern können.

Keine leichte Wanderung

Manchmal dauert es etwas länger, weil mal wieder jemand geglaubt hat, die Wanderung ließe sich locker mit Sandalen oder Flipflops bewältigen. Falsch gedacht! Es sind zwar nur gut vier Kilometer bis zum Ziel, aber die haben es in sich. Ich bin froh, dass wir Wanderschuhe tragen. Nach dem Felsgeröll überqueren wir zunächst ein mooriges Hochplateau auf ebenen Bahnschwellen, bevor es wieder kniffelig wird. In einer Felsrinne geht es über große Felsbrocken ziemlich steil nach oben. Aber danach sind die meisten Höhenmeter auch geschafft.

Den Rest der Strecke geben wir ein bisschen Gas, denn ich habe gerade festgestellt, dass die Sonne langsam tiefer sinkt. Wenn wir den Preikestolen, der abends von einem mächtigen Felsen beschattet wird, noch mit Sonnenstrahlen erleben wollen, müssen wir uns sputen. Den hübschen Gebirgssee lassen wir daher links liegen, um ihn später zu fotografieren. Zum Ziel schaffen wir es gerade so: Als wir um die letzte Ecke biegen, liegt das Felsplateau noch im Sonnenschein – eine halbe Stunde später ist der Schatten angekommen.

Spektakulärer Blick in die Tiefe

Der Ausblick auf den Felsen ist auch beim zweiten Besuch spektakulär: Über 600 Meter tief fällt der Preikestolen steil bis zum Lysefjord hinab. Abgrenzungsgitter gibt es keine – jeder ist hier selber verantwortlich für seine Sicherheit. Einige Mutige – oder sollte ich sie lieber Leichtsinnge nennen? – wagen sich weit nach vorn an die Kante, um spannende Fotos nach Hause schicken zu können.

Ich halte lieber etwas mehr Abstand und robbe mich nur ein Stück im Sitzen nach vorn. Die Beine über die Kante zu hängen, traue ich mich nicht. Nicht auszudenken, wenn einer der vielen Besucher stolpern oder jemanden erschrecken sollte und damit jemand anderen ins Unglück stürzt. Fast unglaublich, aber auf dem Preikestolen ist es noch nie zu einem tödlichen Unfall gekommen. Vor einigen Jahren haben sich nur zwei Leute wissentlich in den Tod gestürzt – sie hatten sich zum Selbstmord im Internet verabredet …

Nachdem wir eine ganze Weile die Aussicht über den Lysefjord bewundert haben, steigen wir wieder den Berg hinab. Langsam geht die Sonne über dem Fjord unter, aber wir schaffen es noch im Hellen zurück zum Auto. Am nächsten Morgen schauen wir aus dem Fenster: Es regnet in Strömen. Gut also, dass wir tatsächlich gestern zum Preikestolen gewandert sind!

Meine Tipps für eine Wanderung zum Preikestolen 

  • In vielen Wanderführern ist die Wanderung als „leicht“ beschrieben. Das ist vielleicht aus Sicht der Norweger der Fall, die jeden Berg im Galopp hochsprinten. Ich fand, der Weg ist an einigen Stellen nicht zu unterschätzen. Der Schweiß und die Anstrengung in vielen Gesichtern sprachen Bände …
  • Die Wanderung ist bestens ausgeschildert, du kannst dich also nicht verlaufen, und einen Wanderführer brauchst du auch nicht. Im Zweifel folgst du einfach den Massen.
  • Wir haben für den Hinweg zwei Stunden gebraucht, für den Rückweg fast ebenso lang. Plane genügend Zeit ein, um auch ein bisschen am Preikestolen zu verweilen.
  • Auch wenn viele Besucher waghalsige Positionen an der Felskante einnehmen: Sei bitte vorsichtig!
  • Mit kleinen Kindern würde ich die Wanderung nicht machen. Auch viele Hunde, die klettern nicht gewohnt sind, dürften auf den steilen Aufstiegen Probleme bekommen.
  • Früh am Morgen und am späten Nachmittag ist dort weniger los als tagsüber.
  • Ein warmer Pullover ist sinnvoll, weil es auf dem Felsen oft zieht. Wenn du verschwitzt dort oben stehst, kann es kühl werden.
  • Wenn du Höhenangst hast, solltest du dir vielleicht überlegen, ob du die Wanderung wirklich machen willst – vor allem die letzten Meter sind schon ein bisschen eng, und es geht an einer Seite des Weges steil nach unten.
  • Wer den Sonnenaufgang am Preikestolen erleben will, kann eine Nachtwanderung buchen. Bruder Leichtfuss hat darüber berichtet.
  • Und ein ganz aktueller Tipp zu einer Entwicklung der letzten Jahre: Check lieber vorab, wann in Stavanger die Kreuzfahrtschiffe anlegen. Wenn dort ein oder zwei Kreuzfahrtriesen auf Anker liegen, deren Passagiere zum Preikestolen gefahren werden, wird es voll dort oben!

Warst du schon mal am Preikestolen? Würdest du dich trauen – oder ist dir das zu gefährlich? Hinterlass doch gerne einen Kommentar!

 

 

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10 Kommentare

  • Kann ich alles so bestätigen. Wir waren auch spät nachmittags oben. Da kamen uns die Massen beim Aufstieg entgegen. Oben war es dann nicht mehr ganz so voll. Aber in welchem Aufzug manche die Wanderung machen, das ist schon gewagt. Ich denke mancher Bustourist wusste nicht, worauf er sich da einlässt. Während wir oben waren, kam 3x der Rettungshubschrauber.
    Als wir ankamen fing es leider an zu regnen und die Aussicht war verschwunden. Trotzdem super schön. Aber diesen Herdenauftrieb tue ich mir nicht nochmal an. Der Kjerag wäre beim nächsten mal eher unser Ziel.

  • Ganz toll geschrieben, ich danke dir sehr dafür.
    Preikestolen – wie sehr bewundere ich immer die großartigen Bilder – schon seit meiner Kindheit.
    Eine Wanderung dorthin steht ganz ganz oben auf meiner „to-do-list“, oft wird von einer „leichten Wanderung“ berichtet, ich finde es toll, dass du auch auf die Anstrengungen hinweist.

    Mit 11 Jahren bin ich an einer seltenen muskelerkrankung erkrankt, bei meinem 8 jährigen Sohn hat sich dieser kleine Fehlerteufel ebenfalls eingeschlichen.
    Wir sind aber guter Dinge, dass wir eines Tages dennoch dort oben stehen werden – Übung macht ja bekanntlich den Meister (man sieht’s ja an den Norwegern )

    Bis dahin lese ich einfach mal deine anderen Beiträge

    • Liebe Antonia, vielen Dank für dein nettes Feedback! Dann wünsche ich dir, dass Ihr es eines Tages schaffst, selber dort oben zu stehen, die Aussicht zu genießen und stolz auf Euch zu sein!

  • Hallo Sabine,
    sehr schön beschrieben und tolle Fotos! Ganz so viel Wetterglück wie ihr hatten wir nicht, aber auch mit Wolken über dem Fjord ist die Kulisse wunderschön. Ich finde allerdings, dass die Wanderung durchaus „leicht“ ist, nur eben kein Spaziergang. Den Unterschied kennen die FlipFlop-Touristen aber leider nicht. Wie du schon geschrieben hast, Wanderschuhe sind einfach ein Muss. Auch mit kleinen Kindern ist die Wanderung gut machbar, wenn die Eltern wandererfahren sind. Solche Einschätzungen sind natürlich immer subjektiv.
    Liebe Grüße, Nicole

    • Hallo Nicole, ich fand die Wanderung auch nicht wahnsinnig schwierig, aber auch keinen Spaziergang. Viele unterschätzen aber die steile Kletterei und sind schlecht ausgestattet. Schön, dass es Euch auch gefallen hat.

  • Wir sind vor Jahren hochgeklettert – mit Hund. Der war dann auch der Hauptgrund dafür, dass wir die letzten Meter nicht gemacht haben. Der schmale Grat – auf der einen Seite die Felswand und auf der anderen der Abgrund – war uns zu gefährlich. War aber trotzdem eine tolle Wanderung, wenn auch echt anstrengend. Sehr krass fand ich die Norweger, die uns teilweise in Flipflops und mit Kleinkindern auf den Schultern überholten oder entgegenkamen :-).

  • Schön, Ihr habt den Weg also gefunden und seid nicht wie zahllose andere Touristen zunächst von Google Maps in die Irre geführt worden (http://www.spiegel.de/reise/europa/norwegisches-dorf-fossmork-wird-wegen-google-maps-fehler-ueberrannt-a-1146035.html) – ich weiß, könnte Euch ja auch nicht passieren, denn Du bist ja ohne Smartphone etc. unterwegs.

    Schöne Schilderung einer aussichtsreichen Wanderung. Und Glück hattet Ihr ja, nicht nur wegen des Wetters am nächsten Tag, es war ja geradezu leer bei Eurem Besuch oben!

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